Per Anhalter am Ziffernblatt

2. Mai 2005, 00:23
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Andrea Breths kühle, gescheite, am Kollaps der Zeit interessierte Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" enthält nahezu allerhöchste Kunstfertigkeit

Andrea Breths kühle, gescheite, am Kollaps der Zeit interessierte Burgtheater-Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" enthält Proben der allerhöchsten Kunstfertigkeit. Trotz einiger Buhrufe: Zum wahren Triumph fehlt nur die Genauigkeit in einigen Details.


Wien - Mit Verpachtung jenes Grundes, auf dem die Kirschbäume gefällt werden sollen, damit ein Sommerfrischeparadies errichtet werden kann, begännen in einer fernen Zeit Aufräumungsarbeiten, die eines frisch gebackenen EU-Beitrittslandes würdig wären. Es würden die durcheinander schießenden Fronten der Zeit begradigt. Es würde mit dem Verprassen von Zeitreserven, mit dem Aufbrauch von Gemütsresten unwiderruflich Ernst gemacht.

Im Wiener Burgtheater, wo Andrea Breth Tschechows viel strapazierten Kirschgarten als genial unterkühlte Sternenkollision spielen lässt, müsste eine Abbruchbirne durch verschossene Wände hindurchbrausen - durch die staubgrauen Fensterfronten einer Banketthölle.

Durch das muffige, unbelebbare Ambiente eines postsowjetischen Stadtverordnetensaals (Bühne: Gisbert Jäkel), auf dessen Grund, wie in einem Bassin, Kindersesselchen stehen und ein putziges Kindertischchen, an dem auch wirklich die Kontrahenten Platz nehmen, um einander ihre widersprechenden Begierden an die Köpfe und auf die ohnehin wund geriebenen Seelen zu werfen.

Hinten, aus der Stirnseite dieser Riesenhöhle, ragt schräg ein knapp mannshohes Abflussrohr ins Bild. Aus ihm werden, lange nach Beendigung dieser ausnehmend unfreundlich aufgenommenen Tschechow-Produktion - wohl weil sie sich gegen Blütenträume und Wehmutsküsse strikt versperrt hält -, wahre Unratbäche hervorschießen. Irgendwann, jenseits der von uns gemessenen Zeit.

Die aus Paris heimgekehrte Ljuba Ranevskaja (Andrea Clausen), die ihr hartes, apartes Lebenshungerkünstlertum in ein gefühliges Auftrumpfen hochkatapultiert, sobald sie glaubt, von der noch unsichtbaren Zertrümmerungswelle mitgerissen zu werden, nimmt an dem Tischchen Platz.

Potenzieller Käufer

Ihr gegenüber sitzt der Geschäftemacher Lopachin (Sven-Eric Bechtolf) als reißender Wolf im Kaufmannspelz, der ein leibeigenes "Bäuerchen" war, als ihm die Herrschaft noch die Nase putzte. Der als potenzieller Käufer des Kirschgartens jetzt diese ganze, trostlose Welt höflich einzuschlürfen gedenkt. Sie vorkostend einsaugt, obwohl er noch nicht einmal ein welkes Fräulein, Ljubas Ziehtochter Varja (Teresa Weißbach) mit dem Keuschheitsschlüsselbund am Gürtel, anders als mit der Koketterie des am Gefühlsfett würgenden Hagestolzes anzusprechen vermag.

Der, nachdem er in der rasenden Walpurgisnacht des Balles (Dritter Akt) den Erwerb des zwangsversteigerten Kirschgartens auftrumpfend bekannt gibt, gurkenwischend auf den Buffettisch hinaufsteigt, als würde er eine Zinne erklettern.

Dort oben, am Gipfelkreuz all seiner Sehnsüchte, kotzt er seine Minderwertigkeitskomplexe aus. Ein tobender, Balkan-Blues-singender Wahnsinniger - während die uneingestandene Geliebte (Clausen) zu seinen Füßen zusammenbricht.

Ein Provinzkrösus, der als Verelendungsschlucker noch den Sieg als Vernichtungsfest feiert. Was für eine Leistung Bechtolfs! Und doch, wie zur Schmälerung eines unbestreitbaren Triumphes, kämpft die kühne, kühle Uhrwerksmeisterin Breth unerwartet häufig mit Taktfragen. Denn die Menschen, die sie ruft, wird sie nicht mehr los. Die Gänschen nicht, die sie ein wenig pauschal mit Backfischattitüden bedenkt. So das Töchterchen Anja (Pauline Knof), das ihrem schön redenden, Kirschen mampfenden Zukunftsredner Trofimov (Cornelius Obonya) an gelebter Blässe in nichts nachsteht.

Ljubas Bruder Gaev (Udo Samel) steckt im undurchdringlichen Körperfettpanzer des rückgebildeten Draufgängers. Sein Billardgeschwätz stößt er mit der Heftigkeit eines verlebten Propheten aus. Seine weiche Geziertheit gehört zur Altaristokratie eines untergegangenen Menschenschlages. Schön, Samel an der Burg zu wissen. Am Plafond seiner Möglichkeiten angelangt scheint er noch nicht.
Im Reich der Domestiken herrscht - in vielen, unterschiedlich plausiblen Nuancen - die vollkommene Auflösung der aus den Fugen geratenen Zeit: einer Zeit der Wölfe, beutegierig wie jene vorüberhuschenden Geister, die in der angesprochenen Ballszene den Hausrat nach allen vier Windesrichtungen vertragen.

Der aus Paris mitgewanderte, gemütsbrutale Diener Jasa (Nicholas Ofczarez) ersinnt gar ein ganzes Ballett aus Handreichungen und Lockerungsgebärden, um die hysterische Haushälterin Dunjasa (Heike Kretschmer) erotisch zu verblüffen: eine liederliche, sonnenbrandrote Bauchfettballettübung, die er im Gartenakt vollzieht, der, paradox genug, im Inneren des Haushalts vertrödelt wird.
Nur der greise Diener Firs (Ignaz Kirchner) fegt über diese Schädel- und Zerfallsstätte wie ein Käfer: ein buckliger Zeiger auf einer unsichtbaren Uhr. Erst mit seinem Sterben bleibt der Chronometer stehen. Zeit, diese Produktion trotz kleiner Unregelmäßigkeiten ins Herz zu schließen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2.5.2005)

Von
Ronald Pohl
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    Im ersten Akt auf Kindermobiliar, im zweiten schon auf Gartensesseln: Ljuba (Andrea Clausen) und Lopachin (Sven-Eric Bechtolf) feilschen um Kirschen und Seelen.

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