Schottland - Öl als Scheidungsgrund

5. Mai 2005, 23:06
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Nationalisten wollen die Trennung von den Briten - SNP-Kandidat mit Wiener Wurzeln - Teil 4 der STANDARD-Serie zur Wahl am 5. Mai

"No beer, no women, no football." Aus drei Gründen hat Frank Lonie es aufgegeben, draußen auf dem Meer nach Öl zu bohren. Und das, obwohl die Arbeiter auf den Nordsee-Plattformen bis zu 370 Euro am Tag verdienen. Dafür muss einer an Land, in einer Konservenfabrik, eine Woche lang schuften.

Lonie zapft hinterm Tresen des "Crown & Anchor", vor ihm sitzen die Männer, die jeweils zwei bis fünf Wochen auf Bier, Frauen und Fußball verzichten, weil die Löhne der Bohrinseln doch sehr locken.

Tom aus Cardiff betont, dass er Waliser sei, weniger Brite. Craig aus Aberdeen erklärt, dass echte Schotten dann, wenn Englands Kicker antreten, grundsätzlich den Gegner anfeuern. Lonie, der Wirt, nennt einen weiteren Grund, warum er es nur zwei Jahre auf einer Ölinsel von British Petroleum aushielt. "Zu viele Ausländer." Wen er da meint? "Na, die Engländer."

Alles in Aberdeen dreht sich ums schwarze Gold, seit 1975, als man begann, es aus dem Meeresboden zu holen. Von hier starten die Hubschrauber zu den Bohrtürmen jenseits der Shetland-Inseln. Selbst die imposante St. Nicholas Kirk, wie der Rest der Stadt aus grauem Granit erbaut, wurde mit Spenden der Ölindustrie renoviert.

Licht und Schatten

Aberdeen boomt, doch es ist ein Boom mit Licht und Schatten. Kaum Arbeitslose, glitzernde neue Kauftempel. In den Schaufenstern der Immobilienmakler hängen die neuesten Angebote: Ein Reihenhaus mit vier Zimmern kostet 470.000 Euro, unerschwinglich für die meisten, die nicht in der Ölbranche arbeiten.

Es hat gewiss auch mit dem kostbaren Rohstoff zu tun, dass sie hier oben lauter nach der Unabhängigkeit Schottlands rufen als weiter südlich in Glasgow oder Edinburgh. "Könnten wir allein bestimmen, uns ginge es glänzend, genauso gut wie den Norwegern." Angus Robertson schaut neidvoll auf den Nachbarn jenseits der Nordsee.

Mit 35 ist er im Unterhaus zu Westminster der jüngste Abgeordnete der Scottish National Party (SNP), einer Partei, die mit Ex-James-Bond Sean Connery als Zugpferd für eine sanfte Scheidung von England kämpft. Je höher der Ölpreis, desto lauter die Klagen. Sieben Milliarden Pfund (zehn Mrd. Euro), rechnet die SNP vor, fließen im kommenden Finanzjahr an Gewinnsteuern aus den Offshore-Feldern ins Londoner Staatssäckel, eine Milliarde mehr als 2004/05.

1999, als die Schotten nach dreihundertjähriger Pause wieder ein eigenes Parlament bekamen, blieb die Steuerhoheit ausgeklammert. Bisher war es ein guter Deal für sie, London pumpte mehr Steuergelder in die Region, als von dort abflossen. Robertson ist dennoch davon überzeugt, dass es Schottland allein besser ginge.

Eifrig verteilt er Flugblätter, reißt Witze, versucht, in einem mauen Wahlkampf Interesse zu wecken - nicht in Aberdeen, sondern zwei Autostunden weiter westlich in Lossiemouth, einem verschlafenen Küstenstädtchen. Die Brandung schlägt an den Strand, wohin das Auge blickt, wellen sich Sanddünen. Nur die Tornados, die im Tiefflug über den Uferstreifen donnern, stören die Idylle.

Vielleicht nicht mehr lange, die örtliche Basis der Royal Air Force soll verkleinert werden: 700 Jobs weniger. So kommt es, dass Robertson gegen die Schließung der Basis mitdemonstriert, obwohl seine friedensbewegte Partei links von Labour steht. Auf einem Plakat steht "Schande über euch!". Er meint das Kabinett Tony Blairs.

Wenn er will, kann der Nationalist echten Wiener Charme zeigen. In den 90er-Jahren hat er in Wien beim Rundfunk gearbeitet. Sein Deutsch, die Sprache seiner Mutter, ist unüberhörbar wienerisch gefärbt. Am liebsten sagt er: "Wir müssen hackln."

Fast jede zweite Malzwhisky-Destillerie der Insel brennt ihren Scotch in Moray, dem Wahlkreis von Anderson. Die Höhe der Steuern bestimmt London. Wenn sich Robertson im House of Commons in der Fragestunde des Regierungschefs erhebt, ahnen die meisten schon, was kommt: "Herr Premierminister, wie gedenken Sie die Whiskyindustrie vor dem Ruin zu retten?"

Nächster Teil der Serie am 3. Mai 2005: "Erwartungen einer typischen Familie" (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2005)

Von Frank Herrmann aus Aberdeen
  • "Wir müssen hackl": der Abgeordnetet Angus Roberstson vor der Kulisse des Küstenstädtchens Burghead.
    foto: standard/hermann

    "Wir müssen hackl": der Abgeordnetet Angus Roberstson vor der Kulisse des Küstenstädtchens Burghead.

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