Rallye: Im Schatten der Korkeiche

20. Mai 2005, 15:45
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Weltmeister Sébastien Loeb gewann in Sardinien vor dem Norweger Petter Solberg. Manfred Stohl landete auf Platz neun.

"Si", sagte der Mann beiläufig, als man ihn frug, ob in seinem großen Auto auch drinnen ist, was draufsteht, nämlich Latte. Zuvor hatte er überaus großes Geschick bewiesen, als er den zwillingsrädrigen Milchtankwagen gelassen kilometerweit die enge Sandstraße hinaufchauffierte zur Sonderprüfung. Links und rechts parkten Autos im Gebüsch und unter Korkeichen, ab und zu stieg der Mann aus, und da man hinter ihm fuhr, war man dem Spurenden dabei behilflich, im Weg stehende Autos etwas wegzuschupfen, auf dass er seinen Tankwagen durchzirkeln konnte.

So 200 Meter vor dem Ziel, also dem Straßerl, auf dem bald einmal die Rallyeautos vorbeiglühen sollten, war Schluss. Der Mann gab auf, entstieg seinem Gefährt, hinterließ ein scheinbar unentwirrbares Autoknäuel und begab sich zu einem aussichtsreichen Platz, nutzte derart geschickt die Pause in seinem Lieferplan.

Hunderte schmückten diese schöne Ecke im prachtvollen sardischen Frühling, wie sie unzählige andere Winkel schmückten. Sie erkletterten die aus einem Blütenmeer aus Ginster und Kollegen aufragenden Granitfelsen zwecks Überblick, andere ließen sich im Schatten der Korkeichen nieder, packten Mortadella, Prosciutto, Pane und Vino aus und labten sich und harrten des ersten Brummens. Dieses lieferte freilich der TV-Hubschrauber, der sich vorübergehend auf einer in allen Farben prahlenden Blumenwiese niederließ. Die Rennautos hatten Verspätung, das machte aber beispielsweise weder einigen schwer mit sich selbst kämpfenden Finnen noch den Schweden, Römern oder Sarden etwas aus.

Die Vorausautos waren durch. Der Streckenposten blies ins Pfeiferl. Im dicht bewaldeten Berghang oberhalb dieses Zuschauerpunktes auf der achten, 38 Kilometer langen Sonderprüfung, röhrte es. Sandwolken entstiegen dem Grün, zeigten derart an, wo gekurvt wurde im Wald. Die im Zweiminutenabstand vom Start Abgelassenen kamen hintereinander herab ins Tal. Ein uraltes Steinmäuerl sicherte Zuschauende vor rasenden Könnern, markierte nebenbei eine nette Schikane. Das Schöne an der Rallye ist, dass jeder mit Applaus bedacht wird, ohne Ansehen von Nation und Auto, und Gigi Galli, der Römer, bei dem sie hier sonst am heftigsten paschten, war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dabei.

Viele Wegweiser

Auf einer anderen Sonderprüfung stand sicherheitshalber die Bergrettung Meran mit ihrem Einsatzfahrzeug bereit. Sie wurde für die Sardinien-Rallye angemietet, die Skisaison ist vorbei, die Klettersaison hat noch nicht richtig begonnen. Stolz zeigte einem die Besatzung auf dem Display der Digitalkamera eben erst aufgenommene Fotos vom finnischen Ex-Weltmeister Marcus Grönholm, der hier vor einer Spitzkehre seinen Peugeot als Führender durch die Macchia wuzelte, sich das Eck ersparte, auf dem fortführenden Straßenstück und auf dem Dach landete. Die Meraner halfen mit, ihn wieder auf die Räder zu stellen und wiesen dem kurz Orientierungslosen den rechten Weg.

Das war auf der dritten Sonderprüfung. Am Ende wurde Grönholm noch Dritter, geschlagen nur vom regierenden Weltmeister Sébastien Loeb und seinem Citroën und Norwegens Petter Solberg im Subaru. Loeb über nahm im fünften von 16 WM-Läufen die Gesamtführung von Solberg.

Für den Wiener Manfred Stohl war die Sardinien-Rallye nicht das Gelbe vom Ei. Zunächst war ihm übel, dann haderte er mit seinem Citroën, mit dem er sich offenbar noch nicht richtig versteht, Schaltprobleme kamen auch noch dazu. "Das war nicht das, was ich mir erwartet habe", sagte Stohl, "aber in Anbetracht der Umstände ist es okay." Juuso Pykalisto, sein finnischer Kollege im OMV World Rallye Team, nahm sich als Achter einen WM-Punkt. (Benno Zelsacher, DERSTANDARD Printausgabe 02.03.2005)

ERGEBNIS Sardinien-Rallye - Endstand nach drei Etappen bzw. 17 Prüfungen (350,03 km) sowie 1.192 Gesamtkilometern:

1. Sebastien Loeb/Daniel Elena (FRA/MON) Citroen Xsara WRC 4:06:33,7 Stunden - 2. Petter Solberg/Philip Mills (NOR/GBR) Subaru Impreza WRC 4:07:33,3 - 3. Marcus Grönholm/Timo Rautiainen (FIN) Peugeot 307 WRC 4:09:41,0 - 4. Markko Märtin/Michael Park (EST/GBR) Peugeot 307 WRC 4:10:46,0 - 5. Toni Gardemeister/Jakke Honkanen (FIN) Ford Focus WRC 4:15:03,0 - 6. Roman Kresta/Jan Mozny (CZE) Ford Focus WRC 4:16:02,9 - 7. Antony Warmbold/Michael Orr (MON/GBR) Ford Focus WRC 4:16:33,5 - 8. Juuso Pykälistö/Mika Ovaskainen (FIN) Citroen Xsara WRC 4:16:54,9 - 9. Manfred Stohl/Ilka Minor (AUT) Citroen Xsara WRC 4:17:09,3 - 10. Mark Higgins/Trevor Agnew (GBR) Ford Focus 4:18:54,8

WM-Stand nach fünf von 16 Läufen: 1. Loeb 35 Pkt. - 2. Solberg 34 - 3. Grönholm 28 - 4. Märtin 28 - 5. Gardemeister 24 - 6. Rovanperä 11 - 10. u.a. Stohl

Konstrukteurswertung: 1. Peugeot 57 Pkt. - 2. Citroen 43 - 3. Subaru 36 - 4. Ford 33 - 5. Mitsubishi 24 - 6. Skoda 5 (APA)

  • Petter Solberg im Subaru auf Sardinien.
    foto: epa/mitsouras

    Petter Solberg im Subaru auf Sardinien.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sebastian Loeb auf der Special Stage.

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