Taiwans Führung tastet sich an Peking heran

9. Mai 2005, 13:38
3 Postings

Präsident Chen Shui-bian startet diplomatische Offensive

Die frostigen Beziehungen zwischen den Regierungen in Peking und Taipeh tauen auf. Jetzt geht Taiwans Präsident Chen Shui-bian in die diplomatische Offensive.

***

Taiwans Präsident Chen Shui- bian, der nach der Aussöhnungsoffensive zwischen Chinas Regierung und den beiden taiwanesischen Oppositionsparteien Kuomintang (KMT) und Erste Volkspartei (PFP) in die Defensive geraten ist, tritt die Flucht nach vorn an. Er fordert nun Peking zum Dialog auf.

Chen lässt seine Botschaft vom PFP-Vorsitzenden James Soong übermitteln, der am Donnerstag nach China fährt und dort mit Parteichef Hu Jintao zusammentreffen wird. "Ich habe den Vorsitzenden James Soong gebeten, meine Botschaft den Pekinger Führern direkt zu übermitteln. Er versteht sehr gut meine Vorstellungen, Gedanken und die Haltung meiner Regierung zum Dialog", sagte Chen nach Angaben der regierungsnahen Tageszeitung Taipeh Times.

Chen nannte keine Einzelheiten, was er anbieten will. Er betonte aber, dass "es gleichgültig ist, wen oder welche Partei China als Gesprächspartner bevorzugt. Am Ende muss es sich zu Gesprächen an den gewählten Führer und die regierende Partei wenden." Mit James Soong hat Chen einen Politiker als Übermittler seiner Botschaft gewählt, der zu beiden Seiten gute Kontakte pflegt.

China schätzt Soong, weil er und seine Partei die Unabhängigkeit Taiwans ablehnen. Dennoch konnte sich Oppositionspolitiker Soaong auch mit Präsident Chen im Februar über ein innenpolitisches Zehnpunkteprogramm für Taiwan verständigen. Dafür rang er Chen die Zusicherung ab, in der Frage der Unabhängigkeit Taiwans kein weiteres Öl ins Feuer zu schütten.

Pekings Führung hat die zehn Punkte offiziell zur Kenntnis genommen. Anzeichen, dass beide Seiten sich vorsichtig aufeinander zu bewegen, zeigen sich inzwischen auch in Chinas staatlich gelenkten Medien. Sie fuhren ihre Angriffe auf Chen Shui- bian herunter und vermerkten, dass Chen die achttägige "historische Friedensreise" des KMT-Vorsitzenden Lien Chan bisher nicht öffentlich kritisiert hat.

Feindschaft beendet

Lien Chan, der am Montag über Schanghai zurückflog, hatte in Peking mit Parteichef Hu Jintao die seit 60 Jahren andauernde Feindschaft zwischen Kommunisten und Kuomintang für beendet erklärt. Bei seinem von der Beschwörung der gemeinsamen nationalen Geschichte und Identität geprägten Besuch kam es auf allen vier Stationen zu einem großen Menschenandrang. Seine live im Fernsehen übertragenen Reden erzielten Rekordquoten.

Die Jugendzeitung schrieb, dass 95,8 Prozent der chinesischen Zuschauer über Lien Chans Reise informiert waren und Anteil nahmen. Auf Taiwan stieg die Zustimmung mehreren Umfragen zufolge von 40 Prozent vor Antritt seiner Reise auf 51 bis 60 Prozent am Sonntag. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.5.2005)

Johnny Erling aus Peking
  • Bild nicht mehr verfügbar

    China ist seit 1. Mai für eine Woche in den Ferien. Den Tiananmen-Platz in Peking beherrscht ein Bild des Staatsgründers Sun Yat-sen, der auch in Taiwan unumstritten ist.

Share if you care.