Prozess gegen Lynndie England gescheitert

9. Mai 2005, 19:06
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Richter weist Schuldeingeständnis zurück - Verurteilter Ex-Liebhaber und Komplize Graner stellte zuvor zentrale Aussage Englands in Frage

Fort Hood - Der Prozess gegen die US-Soldatin Lynndie England wegen des Folterskandals im Gefängnis Abu Ghraib muss neu aufgerollt werden. Der zuständige Militärrichter wies das strafmildernde Schuldeingeständnis Englands am Mittwoch zurück. Die 22-Jährige hatte sich in sieben von neun Anklagepunkten schuldig bekannt, im Gegenzug ließ die Staatsanwaltschaft zwei Anklagepunkte fallen. Statt einer Höchststrafe von sechzehneinhalb Jahren drohten England nur noch elf Jahre Haft.

Der Entscheidung des Militärgerichts in Fort Hood im US-Staat Texas ging eine Aussage des mutmaßlichen Anführers in dem Folterskandal, Charles Graner, voraus. Graner erklärte, drei von ihm gemachte Fotos, auf denen England einen nackten irakischen Gefangenen an einer Leine hält, hätten als legitimes Unterrichtsmaterial für andere Wachleute dienen sollen. England hatte dagegen erklärt, sie habe damals gewusst, dass die Fotos ausschließlich zur Belustigung des Wachpersonals in dem Bagdader Gefängnis dienen sollten. Nach Militärrecht kann ein Richter das Schuldeingeständnis nur dann akzeptieren, wenn die Angeklagte zum Tatzeitpunkt wusste, dass sie etwas Illegales tat.

"Es gibt keine Verschwörung, die von einer einzigen Person begangen wird"

Richter Oberst James Pohl sagte, er sei nicht davon überzeugt, dass England damals gewusst habe, dass sie Verbotenes tat. Die Aussagen Englands und Graners könnten nicht in Einklang gebracht werden. "Es gibt keine Verschwörung, die von einer einzigen Person begangen wird", sagte der Richter zum Anklagepunkt der Verschwörung Englands und Graners. Indem er das Schuldeingeständnis in diesem Punkt zurückwies, gilt die gesamte Vereinbarung nicht. Pohl erklärte den Prozess für gescheitert und entließ die Geschworenen. Der Fall landet damit wieder vor der Anklagekammer (Grand Jury). Eine Grand Jury untersucht Strafanträge gegen Beschuldigte und entscheidet, ob genügend Beweise für eine mögliche Anklage vorliegen.

Geständnis

England ist eine von sieben Angehörigen der 372. Kompanie der Militärpolizei, die wegen Demütigung und körperlicher Misshandlung von Gefangenen im Irak angeklagt ist. Die Reservistin hatte ihre Beteiligung an dem Folterskandal im Irak am Montag gestanden und räumte ihre Schuld in sieben von neun Anklagepunkten ein. Im Gegenzug ließ der Militärankläger die beiden weiteren Anklagepunkte fallen, darunter auch den der Verletzung von Amtspflichten. Über das Strafmaß sollten die Geschworenen entscheiden, fünf Männer und eine Frau.

Graner soll über das Schuldeingeständnis Englands verärgert gewesen sein. Er hat stets erklärt, er und die anderen Aufseher in Abu Ghraib hätten bei den Misshandlungen der Gefangenen Befehle von Vorgesetzten ausgeführt. Er wurde im Jänner wegen der Misshandlungen in Abu Ghraib zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der 36-Jährige soll der Vater des Kindes sein, das England im Herbst vorigen Jahres zur Welt brachte. (APA/AP)

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    Lynndie Englands Aussage wurde annulliert

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    Agu Ghraib: Lynndie England führt einen nackten, am Boden liegenden Iraker an einer Hundeleine.

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