Der allerletzte Kick: Sex im Führerbunker?

25. November 2005, 18:26
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So manchem Irrsinn können vielleicht nur Satiren beikommen - wie Don DeLillos "Running Dog"

Erinnert sich noch jemand an die völlig überflüssige TV-Abstimmung im deutschen Fernsehen zum Thema Unsere Besten? Gewonnen hat damals, im November 2003, als es darum ging, die wichtigsten Deutschen zu küren, Konrad Adenauer vor Martin Luther und Karl Marx. Unvergessen bleibe jedoch zumindest der Hauch von Bedauern, mit dem damals der Historien-Moderator und Sendungsmitgestalter Guido Knopp einbekannte: "Der bekannteste Deutsche ist nun einmal der schlimmste Verbrecher aller Zeiten: Adolf Hitler. Wir haben uns entschieden, Hitler und die Vertreter des verbrecherischen Nazi-Regimes von der Abstimmung auszuschließen. Unser Projekt heißt Unsere Besten, und da haben Massenmörder und Verbrecher nichts zu suchen."

Auf große Knopp-Serien wie Adenauers Manager wartet man dennoch vergebens. Der Marktwert und das unbestreitbar höhere Quotenpotenzial von Adolf, dem Schnurrbärtigen, und seinen finsteren Verbrecher-Gesellen wird ungebrochen, mit jedem neuen Fundstück vom Obersalzberg oder aus dem Führerbunker aufgeheizt und ausgewertet. Die Empathie, mit der zum Beispiel Guido Knopp seine Karriere der kolportagehaften Aufarbeitung des Dritten Reichs widmet oder mit der zuletzt Bernd Eichinger den Untergang zu einer deutschen Staatsfilmaffäre machte, die man sich von Hollywood nicht aus den Händen nehmen lassen will (und tatsächlich wären wir auch nicht scharf auf Hitler made in Hollywood) - vor diesem Hintergrund beginnt man Thor Kunkels Endstufe, eine etwas längliche, aber letztlich unterschätzte Romansatire über heiße Nazipornos erst richtig zu schätzen. Und man muss nicht einmal den Groll des französischen Dokumentaristen Claude Lanzmann ("Hitler verstehen zu wollen läuft darauf hinaus, ihn zu entschuldigen") teilen, um sagen zu können: Am klügsten sind zumindest im Semifiktiven immer noch jene gefahren, die Hitler ganz bewusst nicht verstanden haben. Das waren seit Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein - brüllen wir kurz einmal "Heil myself!" - vor allem die anarchischen Komödianten und Satiriker, die den NS-Terror gewissermaßen kaputtgelacht haben, bis einem das Lachen im Halse stecken blieb. Auf diesem Terrain der kunstvollen Konfusion wird man angesichts des latent immer ein wenig lächerlichen Infotainment-Trashs des "Wir fühlen uns jetzt einmal in Adolf H. und seine Umgebung ein" für immer Roberto Benignis KZ-Slapstick-Melodram Das Leben ist schön lieben. Man wird sich bis heute fragen, was bei Jerry Lewis' Versuch einer ähnlichen Geschichte eines tragischen Clowns in finsteren Zeiten leider nicht funktionierte (der Film liegt immer noch in irgendwelchen Tresoren). Und natürlich muss man immer wieder den zweiten berühmten Schnurrbartträger der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Charlie Chaplin, herbeizitieren, wie er seinem berüchtigten Doppelgänger in The Great Dictator abgehackten Schwachsinn ins geifernde Maul legte. Angeblich war's teilweise Rache, denn "manche glaubten, dass Hitler sich den Schnurrbart in dem bewussten Versuch zugelegt hatte, eine Ähnlichkeit mit Chaplin zu suggerieren, dem die Welt so viel Liebe und Treue entgegenbrachte". (David Robinson)

Es gibt einen Roman, der den ganzen bewussten und unbewussten Wahnwitz im Umgang mit gefundenen und inständig gesuchten Laufbildern, Werten, Oberflächen auf den Punkt bringt bzw. in seiner ganzen kakofonischen Bandbreite zum Klingen bringt. Und dieser Roman, ein frühes Meisterwerk des US-Schriftstellers Don DeLillo, 1978 verfasst und erst 1999 von Matthias Müller akzeptabel ins Deutsche übertragen, Running Dog/Bluthunde, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch - er ist bezeichnenderweise zwar einerseits ein Thriller und andererseits eine fulminante Satire auf den internationalen Popkulturbetrieb. Indem er aber verbrecherische Wechselspiele mit - frei nach Boris Groys - "Verdacht"- und Wertschöpfungen des Kunstmarkts verknüpft, wird er vor allem eine fintenreiche Variation über das harte Fazit: "Heute gibt es Kitsch, Schrott und Porno." Und: "Bewegung, Action, Bilder pro Sekunde. Das ist die Epoche, in der wir uns nun mal befinden, wohl oder übel. Was nicht die Fähigkeit besitzt, sich zu bewegen, kann nicht vollkommen erotisch sein."

Was das mit "Adolf, der Nazisau" (unvergessen Walter Moers' in rechten Kreisen verfemtes Comics-Meisterwerk) zu tun hat? Wie ein geeichter Stand-up-Comedian, der genau weiß, was Tempo bedeutet, legt DeLillo gleich auf den ersten Seiten von Running Dog noch ein Schäuferl nach: Da wird nämlich von einem windigen Kunstdealer der vielleicht ultimative Porno ins Spiel gebracht: "Es existiert ein Film. Ungeschnittenes Material. Ein Exemplar. Das Kamera-Original. Gedreht in Berlin, im April, im Jahr 1945. (. . .) Im Bunker unter der Reichskanzlei. (. . .) Anscheinend geht's um Sex. Ich nehme an, es ist die Dokumentation einer Orgie, die irgendwo in diesen unterirdischen Räumen stattgefunden hat."

Tatsächlich wird das mysteriöse Fundstück, für das TV-Redaktionen ganze Heerscharen von Detektiven mobilisieren würden, am Ende besichtigt, als hätte man Hitlers Tagebücher nun endlich wirklich gefunden. Und bietet die vielleicht härteste "Pointe", die wirklich ultimative Obszönität. Wir sehen das Innere des Bunkers, eine Kinderparty, den Auftritt eines verkleideten Mannes: "Überdimensionale Schuhe, die Spitzen leicht nach oben gebogen. Weite Hose. Weste und eng sitzender Gehrock. Eine dunkle schmale Krawatte. Ein schief sitzender Stehkragen. Eine zerbeulte Melone. Eine weiße Nelke im Aufschlag des Gehrocks. Ein Stöckchen übers Handgelenk gehakt." Und gleichzeitig: "Starre Augen. Kaum Haar über den Ohren. Gesicht blass und faltig. Schlaffer Mund. Weich geschwungener Kiefer. Der berühmte Schnurrbart. (...) Schließlich ein Gesichtsausdruck - ein süßes, schillerndes, schuldbewusstes kleines Lächeln. Charlies Lächeln. Eine genaue Nachahmung."

Hitler spielt Chaplin. Der große Diktator als Tramp und als Kinderpartyschreck. Das lässt kurzfristig die Hoffnung selbst auf NS-Parodien versiegen. Wie soll das funktionieren, wenn letztlich für jeden alles funktioniert und gestattet ist, von links gegen rechts, und umgekehrt. Entsprechend empört (und viel sagend) ist in DeLillos Roman bei der Vorführung das Stimmengewirr der enttäuschten Kunst- und Historien-Spekulanten . . . ",Hitler in Menschengestalt?' ,Das ist widerlich. Was soll ich denn damit anfangen? Wer braucht denn so was?' ,Ich könnte mir vorstellen, dass der Film einen beträchtlichen Wert hat.' ,Historischen. Historischen Wert. (. . .) Überall hagelt es Granaten, und die drehen Filme! Diese ganze Bande ist total filmbesessen. (. . .) Ich hatte mir etwas Härteres vorgestellt. Was Finsteres und Gewichtiges. Der Wahnsinn zum Ende. Perversionen, Sex. Sehen Sie sich das an, er wirbelt mit dem Stöckchen. Eine Katastrophe.'" (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4./1. 5. 2005)

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