Abwesend anwesend

25. November 2005, 18:26
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Hitler bleibt verdrängt - ein Gespenst: Mit den Mitteln des Entertainments wird nur die Vergangenheits­bewältigung endgültig bewältigt

So viel Hitler war nie. Er sitzt in unseren Wohnzimmern und schaut grimmig von jedem Magazin-Cover. Der Typ zieht, das weiß jeder Blatt- und Kinomacher. Gerade haben wir mit Bruno Ganz die letzten Tage im Führerbunker mitgezittert, kommt uns schon wieder ein neuer Hitler ins Haus, Tobias Moretti, als Freund und Förderer von Albert Speer. Nebenbei: Dass der eine ein Schweizer, der andere ein österreichischer Hitler ist, ist vielleicht mehr als ein Zufall. So haben die Schauspieler ein Idiom zur Verfügung, mithilfe dessen Hitler dem deutschen Publikum doch noch als Sonderling, irgendwie entrückt vorgeführt werden kann. Serviert wird Hitler privat, vor allem aber: Hitler ganz nah. Halb Monster, halb Mensch, ein Massenmörder zum Angreifen, gewissermaßen. Brrrr.

Keiner sage, dies sei bloß der mediale Overkill zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, der nach der allgemeinen Event-Logik leicht abzuhaken und mit geübter Kulturkritikerattitüde ("Vergangenheitsbewältigungs-Business") geschmäcklerisch zu erledigen wäre. In diesem "grellen Zirkus des Gedenkens", diesem "Getöse" (Jens Jessen in der Zeit) schleicht sich ein neuer Umgang mit der Vergangenheit ein. Dabei geht es nicht darum, ob der besser oder schlechter ist als der bisher gewohnte. Aber anders ist er schon.

Immer wieder ist zu hören, Filme wie Der Untergang hätten vor zehn Jahren nicht gedreht werden können. Aber was heißt das genau? Die Deutung der Nazi-Jahre - zwölf in Deutschland, sieben in Österreich - war vor einem Jahrzehnt noch umstrittener. Es gab ein "linkes" und ein "rechtes" Verhältnis zur Geschichte. Das rechte: Erstens war nicht alles schlecht, Opa keine Nazisau, und außerdem habe einmal Schluss zu sein. Das linke: Die Schuld werde anerkannt, der singuläre Zivilisationsbruch verstanden, die Lehre aus der Geschichte gezogen. Die Lesart der Linken hat sich weit gehend durchgesetzt. Politiker wie Siegfried Kampl sind heute selbst ihren eigenen Leuten peinlich, und als Herr Mölzer, FPÖ-Europaparlamentarier, zu Jahresbeginn Österreich als erstes Opfer des Nazismus klassifiziert sehen wollte, holte er sich einen Rüffel seiner damals gerade aktuellen Parteiführung in Wien ein. Dabei war das vor 20 Jahren hier zu Lande gängiger Nationalmythos. In Deutschland hatten jene, die forderten, sich der Geschichte zu stellen, schon 1985 mit der Rede Richard von Weizsäckers zum Jahrestag des Kriegsendes ihre Haltungen weit gehend öffentlich durchgesetzt, und was dann noch zu klären war, erledigte die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht.

Zum Schulddiskurs gehörte auch die Identifikation mit den Opfern. Von Holocaust bis Schindlers Liste waren es Produkte, die zwar nicht in Deutschland und Österreich produziert worden waren, aber hier zu Lande das erfuhren, was man einen Hype nennt - und die die Opfer in den Fokus stellten.

Und Hitler? Hitler blieb verdrängt. Ein Gespenst, abwesend anwesend. Wer das "Faszinosum" des Nationalsozialismus ansprechen wollte, wie etwa der deutsche Parlamentspräsident Phillip Jenninger, und dabei womöglich seine Rede falsch betonte, lief Gefahr, seinen Job zu verlieren. Die Kinder der Täter wollten nichts von den (Haupt-)Tätern und der Faszination hören, die von diesen ausgegangen war. Sie identifizierten sich lieber mit den Opfern. Ob das gar so ehrlich war, ist debattierbar.

Jetzt, wo die Sache geklärt ist, ist manches auch entspannter. Darum kehrt nun Hitler zurück - und nicht als Monster, sondern als schräger Onkel. Hitlers "last remake", wie Georg Seeßlen schrieb, der Diktator "erschreckend echt". Eine vorgegaukelte Echtheit ist dies freilich, die praktischerweise mit der Zeichensprache der Postmoderne harmonisiert, mit der medialen Forderung des distanzlosen Dabeiseins. Hitler für die CNN- und Big-Brother-Generation (Seeßlen). Ein zittriger Irrer, der am Klavier klimperte, zur Sekretärin lieb war und dessentwegen die Großväter zu Mördern wurden. Toller Plot, gewiss.

Natürlich ist das alles in höchstem Maße schräg und ambivalent. Das Holocaust-Gedenken wurde globalisiert, und seine Symbolik kommt als globale in die Täternationen zurück - mit der Erzählstruktur des Hollywood-Films oder in der Zeichensprache der globalen Architektur wie beim Berliner Holocaust-Mahnmal. Diese "Globalisierung" entlastet natürlich auch, macht die Schoah zur weltweiten Angelegenheit, die einen dann aber auch nicht mehr speziell zu berühren hat. Parallel dazu gab es die Thematisierung des "eigenen Leids", vor allem in Deutschland, durch die Diskussionen um die Vertriebenenfrage. Ein neues Reden wird ausprobiert. Auch das Gespenst Hitler darf wieder durch die Tür. Dabei ist Scheitern natürlich programmiert. "Die bloße Idee", schrieb Diedrich Diederichsen unlängst, "ein Hitler und Goebbels seien für eine ,Tragödie' geeignet, also ein Genre, das notwendig irrende, scheiternde, aber eben doch menschliche Menschen voraussetzt . . . wäre mit ,Verharmlosung' verharmlost".

Was immer die Intentionen der Produzenten im Einzelfall sein mögen, zeigen Filme wie Der Untergang aber auch, wie der Schrecken der Nähe, die Identifikation mit dem Sonderling Hitler in der Exkulpation des "Deutschen Volkes" münden - und damit für das Publikum ein "Happyend" parat halten kann. Denn der Film trennt sehr deutlich zwei Gruppen. "Auf der einen Seite die Nazifanatiker und die Entourage von Hitler, die untergehen - auf der anderen Seite jene, die weiterleben wollen", so die deutsche Erinnerungstheoretikerin Alaida Assmann. So wird das Gespenst Hitler endgültig gebannt. Hitler ist weg - die, die überlebten, trifft keine Schuld. So mündet die allgemeine Lässigkeit doch immer wieder in der alten Apologetik.

Die Geschichte ist "bewältigt" und kann doch nicht vergehen. Was aber mit dem Entertainment bewältigt wird, ist die Vergangenheitsbewältigung. Hitler-Thrill liefert heute einen Kick wie die Realityformate über amerikanische Massenmorde. Man will den Ekel spüren, und kriegt gleich eine Prise Machtlust mitgeliefert. Und der Subtext der ganzen Chose ist ohnehin: "Es war furchtbar, aber es war auch etwas Großes", wie der deutsche Erinnerungsforscher Harald Welzer formuliert. Deshalb gehe die Erinnerungsobsession nicht zufällig "einher mit dem Verlust von Utopien". So wird aus dem Mann, von dem Joachim Fest einst schrieb, es spreche viel "dafür, dass er eine unangenehme Person war" zur "Marke Hitler". (Robert Misik/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4./1. 5. 2005)

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    illustration: strasser/karner
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