Massives Fischsterben made in Austria

6. Mai 2005, 13:31
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Eingriffe in Fließgewässer führen zum drastischen Rückgang vieler Populationen

Rund 60 Fischarten leben in Österreichs Gewässern, und mit Ausnahme einiger Seebewohner kommen sie alle auch in der Donau vor. Durch massive Eingriffe in Fließgewässer wie Regulierungen und Kraftwerksbau sind die meisten von ihnen in den vergangenen Jahrzehnten allerdings im Bestand drastisch zurückgegangen. So zerstören Flussbegradigungen strukturreiche Uferbereiche, die für viele Arten als Laich- oder Rückzugsgebiete lebenswichtig sind. Gleichzeitig fließen begradigte Wasserläufe schneller und bieten daher jenen Fischen, die ruhig fließende Gewässer brauchen, keine geeigneten Lebensbedingungen mehr. Künstlich beschleunigte Flüsse graben sich auch schneller in ihr Bett als ihre unregulierten und kleineren Zubringer, was dazu führt, dass die Zubringer bald über eine Geländestufe in den Hauptfluss münden, die für die Fische flussaufwärts unüberwindlich ist. Und dann sind da noch die Staumauern, die ultimative Hindernisse darstellen.

Würden Fische dort bleiben, wo sie zur Welt kommen, wären Kontinuumsunterbrechungen wie Staumauern und Geländestufen kein Problem. Aber das tun sie nicht. Im Gegenteil: Wie Hydrobiologen der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien zeigen konnten, gibt es keine Art, die nicht wandert - die eine mehr, die andere weniger. Zumindest in ihrer Jugend wandern Fische flussabwärts: Zuerst werden sie als Larven mit der Strömung verdriftet, wo immer sie ankommen, suchen sie sich dann einen geeigneten Lebensraum. Sofern sie den ersten Winter erleben, wandern sie im Herbst in noch weiter stromabwärts gelegene Winterquartiere. Im Sommer geht die Reise für die meisten wieder zurück. Viele wandern auch, um Hochwasser auszuweichen. Zudem gibt es auch noch die Laichwanderungen. Jeder kennt die Bilder von gegen die Strömung kämpfenden Lachsen, die zu ihrem Geburtsort zurückkehren.

Dieses "Homing" genannte Verhalten garantiert - zumindest in einer Welt ohne Staumauern - geeignete Laichplätze und hat nebenbei den Effekt, dass die Nachkommen gute Chancen haben, als Larven wieder in geeignete Lebensräume verdriftet zu werden. Doch nicht nur Lachse, auch viele einheimische Fische zeigen "Homing"-Verhalten, und zwar viel stärker, als bisher angenommen. Im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projektes untersuchten Günther Unfer (siehe Geistesblitz) und seine Kollegen vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Boku die Wanderbewegungen von Fischen in der Donau, dem Marchfeldkanal und der Pielach. Neben anderen Methoden verfolgten sie zu diesem Zweck ein Jahr lang die Bewegungen von 25 Nasen (Chondrostoma nasus), 25 Barben (Barbus barbus) und 18 Frauennerflingen (Rutilus pigus virgo) mithilfe von Telemetrie-Sendern, die sie den Fischen in die Bauchhöhle pflanzten.

Wie sich herausstellte, bevorzugen die Nasen Fließstrecken der Donau, während Barben Stauräume vorziehen. Wie die Telemetrie-Daten weiters zeigten, nutzen sie das gesamte Querprofil des Flusses - bisher standen beide im Ruf, sich nur in ufernahen Bereichen aufzuhalten. Sowohl Nasen als auch Barben legen im Lauf eines Jahres Strecken von bis zu 50 Kilometern zurück, wobei Unfer und seine Kollegen zum ersten Mal nachweisen konnten, dass sie auch ausgeprägtes Homing zeigen: Alle Nasen und drei Viertel aller Barben kehrten zum Laichen von der Donau in die Pielach zurück, wo sie geschlüpft waren. Dazu treffen beide Arten zwischen Ende März und Anfang April an der Pielach-Mündung ein, warten zusammen und wandern dann in der Nacht gemeinsam zum Laichen in den Nebenfluss ein. Die Abwanderung erfolgt dann ohne erkennbares Muster.

Über den Frauennerfling war zu Beginn der Untersuchungen so gut wie nichts bekannt - wie überhaupt das Wissen über die Lebensweise vieler Fische erstaunlich gering ist. "Manche sterben aus, bevor wir etwas über sie herausgefunden haben", beklagt Unfer. Auch der Frauennerfling ist vom Aussterben bedroht, doch die Hydrobiologen haben einiges über ihn herausgefunden: Der strömungsliebende Fisch, der hier zu Lande ausschließlich in der Donau und in einigen ihrer größeren Nebenflüsse vorkommt, laicht ebenfalls zwischen Ende März und Anfang April in rasch fließenden Bereichen. Danach wandert er flussabwärts, allerdings nicht allzu weit. Im Gegensatz zu Nase und Barbe hielten sich die markierten Individuen in einem maximal acht Kilometer langen Abschnitt auf, wobei die Weibchen deutlich stationärer blieben als die Männchen.

Während man über die Entwicklung des Frauennerflings wenig mehr weiß, als dass er vor dem massiven Kraftwerksbau an der Donau häufiger war als heute, ist der Bestandseinbruch bei Nase und Barbe belegt: Noch in den 1970er-Jahren waren sie Massenfische mit Beständen von mehreren Millionen. Bis ins 20. Jahrhundert gab es an der Pielach bei Melk, aber auch an anderen Flüssen wie Traisen, Drau und Mur zur Laichzeit das traditionelle "Nasen-Stechen", bei dem tonnenweise Nasen gefangen und als Schweinefutter und "Steckerlfische" verwendet wurden. Heute wird der Bestand der Nase in der Wachau auf maximal 4500 Fische (Individuen) geschätzt, der der Barbe auf etwa 20.000.

Österreich steht mit dieser erschreckenden Entwicklung beileibe nicht alleine da - ein Umstand, dem die EU mit der Wasserrahmenrichtlinie Rechnung getragen hat, die seit 2003 auch im österreichischen Wasserrecht verankert ist. Diese schreibt vor, dass sich der ökologische Zustand von Flüssen nicht verschlechtern darf und dass dort, wo er schon schlecht ist, der "gute ökologische Zustand" bis 2016 wieder herzustellen ist. Das gilt auch für wirtschaftlich wichtige und dementsprechend beeinträchtigte Flüsse wie die Donau, so weit es möglich ist.

Eine sehr wichtige Maßnahme dazu ist die Schaffung von Fischwanderhilfen. Das sind Strukturen - von strategisch platzierten Betonröhren bis zum künstlich geschaffenen Nebenarm -, die es wandernden Fischen ermöglichen, Staumauern zu umgehen. Bereits für da kommende Jahr ist beim Kraftwerk Melk die Errichtung einer Fischaufstiegshilfe vorgesehen.

Neben anderen werden auch die Hydrobiologen der Boku Wien für das Monitoring des Projektes verantwortlich sein, und selbstverständlich kommt dabei auch wieder die Telemetrie zum Einsatz. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4./1. 5. 2005)

  • Studienobjekt Frauennerfling: 
Der Flussfisch ist, wie viele seiner Kollegen, in heimischen Gewässern stark vom Aussterben bedroht. Grund sind die massiven Eingriffe in österreichische Fließgewässer, die in den vergangenen Jahrzehnten vorgenommen wurden.
    foto: boku

    Studienobjekt Frauennerfling: Der Flussfisch ist, wie viele seiner Kollegen, in heimischen Gewässern stark vom Aussterben bedroht. Grund sind die massiven Eingriffe in österreichische Fließgewässer, die in den vergangenen Jahrzehnten vorgenommen wurden.

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