Opfermythos und Lebenslüge

29. April 2005, 19:58
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Oder: Als wär's ein Stück von Ibsen. Anmerkungen zum Verhältnis von Moral und Politik in der Auseinandersetzung um die "richtige" Deutung der Geschichte der Republik: Was nützt die Aufdeckung der Wahrheit, wenn am Ende keiner damit leben kann? - Kommentar der anderen von Konrad Paul Liessmann

Gedächtnisorte sprechen nicht von selbst. Sie müssen von Erzählungen nahezu im Wortsinn besetzt werden. Und die Frage, was vom März 1938 zu erzählen ist, ob hier ein Staat gewaltsam okkupiert oder ein Volk sich freudig einem Führer in die Arme geworfen hat, entscheidet offenbar unter anderem darüber, zu welchem Österreich man sich heute glaubt bekennen zu müssen. Die "Lebenslüge" avancierte so zum Negativ-Mythos der Zweiten Republik, sie skizzierte eine Deutung der Geschichte dieses Landes, die es als politisch-moralisches "Infelix Austria" entlarvte.

Umgekehrt verstand und versteht sich politische Aufklärung deshalb auch als Kampf gegen diese Lebenslüge, als Aufforderung, der Wahrheit der eigenen Vergangenheit ins Auge zu sehen, die durch Ausstellungen, Unterrichtsprojekte und öffentliche Debatten aufgedeckt werden soll. Nicht zuletzt das "Andere Österreich", das sich in einer antifaschistischen Kontinuität sieht, definiert sich über die Entlarvung des Opfer-Mythos.

Die Heftigkeit dieser Debatte ist allerdings bis zu einem gewissen Grad in der Vertracktheit der Historie selbst fundiert. Denn erst die Opfer- These oder ihre Widerlegung schaffen Eindeutigkeit dort, wo die Geschichte selbst uneindeutig war.

Völkerrechtlich gesehen kann Österreich wahrscheinlich als der erste Staat betrachtet werden, der zum Opfer der nationalsozialistischen Expansionspolitik wurde – wäre sich Hitler sicher gewesen, dass sich die Mehrheit der Österreicher in der von Schuschnigg anberaumten Abstimmung zum Deutschen Reich bekennen würde, hätte er nicht diese Abstimmung durch den Einmarsch verhindert. Allerdings erlaubt die komplizierte Dramaturgie der Ereignisse vom März 1938 nicht einmal diesen Sachverhalt mit letzter Eindeutigkeit zu bestimmen.

Die Opferthese schuf in dieser Angelegenheit nicht nur die erwünschte Eindeutigkeit, sondern verdeckte damit auch die Tatsache, dass sehr viele Österreicher den Anschluss – übrigens aus unterschiedlichen Motiven – durchaus gewollt hatten. Die Dekonstruktion der "Opferthese" zum "Opfermythos" und zur "Lebenslüge" schuf wiederum eine Eindeutigkeit: Österreich als enthusiastischer Komplize Hitlers und seiner Verbrechen.

Diese Lesart übersieht aber ihrerseits, dass es gegen den Anschluss bis zuletzt auch vehementen Widerstand gegeben hat, dass aber unter den Bedingungen dieser Tage ein militärischer Widerstand wohl sinn- und verantwortungslos gewesen wäre; und sie übersieht, dass die breite Zustimmung zum Anschluss nicht gleich bedeutend mit der Zustimmung zum Regime der Nazis gewesen sein muss.

Die Schärfung der Kritik am Opfermythos zur "Lebenslüge" zerstört allerdings nicht nur das offiziöse Selbstbild der Zweiten Republik, sondern unterstellt diesem eine moralisch prekäre psychosoziale Strategie.

Der Stachel der These von der österreichischen Lebenslüge besteht ja darin, dass ohne diese Lüge jene Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik nicht hätte geschrieben werden können, die es der dritten Generation dieser Republik nun erlaubt, zur Kritik derselben auszuholen.

Der Begriff der österreichischen Lebenslüge, den Anton Pelinka und Gerhard Botz Mitte der 1980er Jahre in die politische Debatte eingeführt hatten, unterstellt ja, dass gravierende Lebensprobleme ohne diese "Lüge" nicht hätten gelöst werden können. die Lebenslüge also auch und gerade unter dem Aspekt ihrer "Funktionalität" betrachtet werden muss. Seinen ursprünglichen Ort – Gerhard Botz hat darauf aufmerksam gemacht – hat dieser Begriff in Henrik Ibsens Stück "Die Wildente" aus dem Jahre 1884.

Im Grunde etablierte Ibsen durch diesen Text zwei Formen der Lebenslüge, die beide im politischen Diskurs der Gegenwart ihre Entsprechungen finden. Da ist einmal die verdrängte und vergessene Vergangenheit – bei Ibsen der sexuelle Fehltritt einer jungen Frau – und zum anderen die Flucht in eine illusionäre Welt – bei Ibsen der imaginierte Wald eines senilen Jägers.

Und es fehlt auch nicht der radikale Aufklärer, der die anderen in einem "Morast von Lügen" verstrickt sieht und alles daransetzt, diesen Morast auszutrocknen. Das Ende ist bekannt: Eine Familie wird dadurch vernichtet. Wohl hat die Wahrheit triumphiert – aber mit dieser kann dann keiner mehr leben.

omöglich hat Ibsens kleinbürgerliche Szenerie für heutige Leser wenig unmittelbare Überzeugungskraft. Die Logik dieser Lügen des Verschweigens und die als Moral maskierten Interessen sind aber unabhängig von den konkreten Anlassfällen gültig.

Zur Rede gestellt, warum man jahrzehntelang verschwiegen habe, dass man nicht Opfer, sondern Mittäter – manche meinen sogar: Haupttäter – des nationalsozialistischen Terrorregimes gewesen war, antwortete die etablierte österreichische Nachkriegsgeneration anscheinend wie Ibsens sündiges Weib, die ihrem Mann eine voreheliche Affäre verschwiegen hatte: Man habe Wichtigeres zu tun gehabt (den Wiederaufbau), ohne diese Lüge hätte man nie bekommen, was man bekommen wollte (die Eigenstaatlichkeit), und überhaupt, was wäre aus dem Land geworden, hätte man nicht rasch vergessen.

Und wie der eifersüchtige Ehemann bei Ibsen reagieren die kritischen Nachgeborenen entsetzt auf solches Verschweigen: Habt ihr euch nie kritisch mit euerer Vergangenheit auseinander gesetzt?

Und wie bei Ibsen verbergen sich hinter diesem Entsetzen nicht nur der Wille zur Wahrheit, sondern wohl auch eigene Interessen: Die am anderen diagnostizierte Lebenslüge bestätigt so die eigene moralische Dignität und erlaubt es manchmal sogar, damit die eigenen dunklen Flecken zu übertünchen. Die forciert vorgetragene Notwendigkeit, die Lebenslügen anderer zu zerstören, kann so allmählich die Gestalt einer eigenen Lebenslüge annehmen. Es gehört seit langem zur Dialektik der Aufklärung, dass sich die Aufklärer nur ungern über sich selbst aufklären wollen.

Allerdings: Bei Ibsen gibt es auch einen Arzt, der die These vertritt, dass die Lebenslüge als "Wunderdroge" manchmal den Menschen geradezu verschrieben werden muss. Seine Zivilisationsskepsis ist paradigmatisch.

Gerade weil er die Wahrheit über die Wahrheit weiß, weiß er auch, dass diese Wahrheit nicht jedem zugemutet werden kann. Die Lebenslüge ist ein lebensnotwendiges Therapeutikum. Nur die Starken ertragen die Wahrheit über sich selbst und ihresgleichen; die Schwachen brauchen den Trost der Lebenslüge. Nimmt man ihnen diesen, zerbrechen sie.

s gehört zu den unfreiwilligen Pointen der Debatten um die Lebenslüge, dass dieser Begriff in der Regel gegen die Intentionen verwendet wird, die Ibsen damit verband. Ihre Lebensdienlichkeit wird schlicht verkannt oder in Abrede gestellt – damit wird sie letztlich um ihre prekären Ambivalenzen gebracht, die auch nicht auflösbar sind, wenn man sie akzeptiert. Sofern es sich wirklich um eine Lebenslüge handelt, besagt dieser Begriff ja, dass ohne diese Selbsttäuschungen die Lösung anstehender Probleme nicht oder nicht in dem erfolgten Maße gelungen wären.

Konsequent stellt deshalb Gerhard Botz die in diesem Zusammenhang entscheidende Frage: "Wäre es zur Tragödie gekommen, hätte man den Österreichern etwa 1950 oder 1970 ihre 'Lebenslüge' genommen?" Aus der Logik der Ibsenschen Lebenslüge ist dies richtig gefragt.

Damit allerdings hat sich der Historiker selbst schon in ein mythologisierendes Narrativ verstrickt: Er wird zum Richter. Plötzlich findet er sich in der Situation, darüber zu befinden, wie viel an Tragik, an "Schmerzerfahrung" einem Volk zuzumuten ist, um den selbst nicht unproblematischen moralischen Anspruch auf Ehrlichkeit und Selbstdurchsichtigkeit kollektiv zu genügen.

Fraglich allerdings, ob den vertrackten Verhältnissen historischer Prozesse mit moralischen Kategorien wie Geschichts- oder Lebenslüge überhaupt beizukommen ist, fraglich, ob der psychologisch-theatralische Begriff der Lebenslüge überhaupt tauglich ist, um kollektive Bewusstseinsprozesse zu beschreiben.

Dass eine Nation einer Lebenslüge unterliegen kann, ist vorab einmal eine metaphorische Rede, die ein Geschichtssubjekt unterstellt, dessen Bewusstseins- und Motivationsstruktur dem eines Individuums gleicht. Die Probleme, die Konstrukte wie die eines "kollektiven Unbewussten" aufwerfen, stellen sich auch angesichts solcher selbstvergessenen Nationen und ihrer vermeintlichen Lügen.

Die Metapher der Lebenslüge fungiert deshalb eher als ein Topos, ein Gedächtnisort, der eine implizite Theorie über die Funktionsweise des kollektiven Gedächtnisses und eine explizite Kritik daran enthält. Sie entscheidet den Kampf der Erinnerung für sich, indem sie der Erinnerung des anderen wenn auch keine kalkulierte, so doch eine bequeme Lüge unterstellt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2005)

Konrad Paul Liessmann ist Philosoph in Wien; der Text ist (gekürzt) einem Beitrag des Autors für die anlässlich des Jubiläumsjahres 05 erschienene Anthologie "Memoria Austriae" (Verlag für Geschichte und Politik) entnommen.
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