Angst und Aufbruchsstimmung

5. Juli 2005, 13:46
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Für das "Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper" ändern sich mit Gyula Harangozó die Zeiten: Tänzerinnen und Tänzer werden in den Ruhestand entlassen

Wien - Im Ballett der Wiener Staatsoper herrscht im Vorfeld des Amtsantritts seines neuen Direktors, Gyula Harangozó, helle Aufregung. Namhafte Tänzerinnen und Tänzer werden zu früher Ruhe gebettet, darunter auch die beim Publikum beliebte Erste Solistin Eva Petters. "Ich war sehr geschockt und getroffen. Ich finde, es war eine fiese Tour", protestierte die erst 33-jährige Ballerina, die den Höhepunkt ihrer künstlerischen Kraft noch nicht überschritten sieht, über die Österreichische Presseagentur.

Die Hierarchie des Balletts wird generell um eine Stufe abgeflacht: Den Rang der "Principal Dancers" wird es künftig nicht mehr geben. Dasselbe Schicksal wie Petters ereilt auch Jürgen Wagner, Christian Musil, Tomislav Petranovic sowie Christian Rovny und Christian Tichy.

Rovny bleibt im Gespräch mit dem STANDARD gelassen: "Es gibt zwei, die ohnehin weggehen wollten, das sind Christian Tichy und Christian Rovny." Er sei knapp vierzig Jahre alt, habe sich die Bizepssehne gerissen, außerdem eine Achillessehnenoperation hinter sich, und damit könne er nicht mehr dieselbe Leistung bringen wie zuvor.

Rovny: "Aber für Wagner, Musil und Petters war das ein Schlag ins Gesicht! Für Petters ist das die Hölle, weil sie mitten im künstlerischen Leben steht, und auf einmal ist es aus. Vor allem, es gibt in Österreich keine gleichwertigen Engagements." Das Ensemble habe vor zehn Jahren das große Glück gehabt, "dass Zanella uns alle übernommen hat. Aber in diesem Beruf muss einem klar sein, dass ich, wenn ein neuer Direktor kommt, dem meine Nase nicht gefällt, fort bin. Das ist halt eine künstlerische Entscheidung."

Er persönlich hätte damit noch ein Jahr gewartet. Finanziell sei die Sache für die Frühpensionierten auch nicht lukrativ: "Wir sind unter Holender eh immer schlecht bezahlt worden. Und was die Pensionierten jetzt bekommen, sind nicht die kolportierten 80 Prozent des Gehalts, sondern 80 Prozent minus die Jahre, die noch fehlen."

Gerit Schwenk, Betriebsrätin und Ensemblesprecherin, ergänzt: "Den Tänzern fehlen viele Jahre, sie müssen daher enorme Abschlagszahlungen in Kauf nehmen. Und es gilt die Ruhensbestimmung, dass man nur 324 Euro dazuverdienen darf, sonst gibt es Abzüge von der Pension."

Dem Solotänzer Christian Musil, 36, werden sieben Jahre abgezogen: "Aber ich mache Musik und andere Dinge. Ich bleibe nicht sitzen. Es ist sicher nicht ganz korrekt, aber Tatsache ist, dass ich mich mit diesem Schema abfinde. Ich muss mir eben einen neuen Finanzplan machen."

Rovny schmerzt die Auflassung des Rangs der Ersten Solisten: "Wir haben sehr viele gute junge Tänzer. International ist ein Solist eben nie so viel wert wie ein ,Principal Dancer'. Ich habe das auch für mich so gesehen: Das Ziel muss es sein, an die Spitze zu kommen - und das ist eben der Erste Tänzer." Zur Stimmung in der Compagnie befragt, meint er: "Viele denken, schau'n wir, was kommt. Also Aufbruchstimmung, aber es gibt auch viel Unsicherheit. Es wird zu wenig mit der Compagnie geredet."

Schwenk verschärft diese Kritik: "Im Herbst ist Harangozó vor die Company getreten und sagte, man müsse sich keine großen Sorgen machen, es wird alles beim Alten bleiben. Dann war von immer mehr Kündigungen im Corps-de-ballet-Bereich zu hören. Also habe ich ihn einmal gefragt, ob er auch Pensionierungen plant, und er antwortete: Nein, mit einer Ausnahme, das ist Christian Rovny. Zwei Wochen später sind einige Kollegen zu ihm vorgeladen worden. Sie dachten, es geht um Gagenverhandlungen. Und da wurden sie vor vollendete Tatsachen gestellt - dass sie jetzt pensioniert werden."

Damit, so Schwenk, sei das Vertrauen der Tänzer gegenüber Harangozó verloren, "es herrschen Unsicherheit und Angst." Harangozó bleibt gegenüber den Zweiflern an seiner Bestellung gelassen: "Das ganze System am Staatsopernballett muss geändert werden, da braucht es einen Mann, der auch mit klarem Kopf denken kann, um das alles in Bewegung zu setzen. Ich glaube, das war auch der Grund, warum man mir den Job hier angeboten hat."

"Volle Verantwortung"

Für die Personalentscheidungen übernehme er die volle Verantwortung: "Wenn beim Ballett neue Direktoren kommen, haben sie freie Hand, die Leute zu beschäftigen, an die sie am ehesten glauben." Er habe bessere Möglichkeiten, wenn er neue Tänzer unter Vertrag nehmen könne, anstatt gezwungen zu sein, immer mit den gleichen Leuten zu arbeiten.

Wegen der Pensionierungen seien manche Tänzer sauer auf ihn, ergänzt Harangozó: "Aber die Mehrheit deswegen, weil ich sie nicht in Pension geschickt habe. Es ist eine Völkerwanderung ausgebrochen: ,Wäre es möglich, dass du mich in Pension schickst?' Und ich musste einigen sagen, leider brauche ich dich noch."

An die humorigen Arabesken und die internationalen Perspektiven des neuen Direktors wird sich das Ensemble offensichtlich noch gewöhnen müssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.04./01.05.2005)

Von Helmut Ploebst
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    Aus den Spitzen-Zeiten einer sich jählings dem Ende zuneigenden Karriere: Eva Petters mit Vladimir Malakhov in "Ein Maskenball" anlässlich der Premiere 2001. Die Primaballerina ortet "Unverfrorenheit".

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