Ang Lee: "Tiger & Dragon"

29. April 2005, 21:02
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Zwei Amazonen fliegen so leichtfüßig über die Dächer von Peking, dass dem Zuschauer vor Staunen der Atem stockt

Ein Märchen, ein verbotenes Vergnügen, ein Kindheitswunsch. Als Junge in Taiwan verschlang der Regisseur Ang Lee die Romane des "Wuxia"-Genres, schicksalsschwere Martial-Arts-Schmonzetten um Ehre, Pflicht, unerfüllte Liebe und überragende Kampfkünste.

Wang Du Lu, der Großschriftsteller des vorrevolutionären China, hatte es ihm besonders angetan - als Filmstudent in New York ließ ihn die Idee nicht los, diesen Klassiker einmal ins Kino zu bringen. Tiger & Dragon ist die Erfüllung seines Traums: zwei Meister der traditionellen Thai-Chi-Lehre, die ihre Liebe dem Ethos des Kampfes unterordnen; ein 400 Jahre altes Schwert namens "Grünes Schicksal", das in die falschen Hände gerät; eine Gouverneurstochter, die vor einer arrangierten Ehe flieht. Es war einmal in China, irgendwann im 19. Jahrhundert ...

Das Schwere und Melodramatische allerdings weicht in dem Moment, in dem die erste Kampfszene beginnt. Zwei Frauen sind es, die da gegeneinander antreten: Michelle Yeoh ist die erfahrene, graziöse, die um die Schmerzen der Kriegerin schon weiß. Ziyi Zhang spielt die Junge, Ungebändigte, vorangetrieben von ihrem unfassbaren Talent.

So beginnt ein Ballett der kämpfenden Körper, das pures Kino und reine Schönheit ist. Bald scheint die Schwerkraft vollständig aufgehoben, die Gesetze der Gravitation verlieren ihre Macht: So leichtfüßig fliegen diese beiden Amazonen über die Dächer von Peking, dass dem Zuschauer vor Staunen der Atem stockt. Bei der Weltpremiere in Cannes jedenfalls gab es nach dieser Sequenz erst einmal ungläubigen Szenenapplaus.

Es ist sicher kein Zufall, dass im Film oft von Meistern und Schülern, überlieferten Lehren und ehrenvollem Handwerk die Rede ist. Denn genau darum geht es in der Kunst von Yeoh, Zhang und dem Hongkong-Heroen Chow Yun-Fat. Sie arbeiten nicht nur der Verfeinerung ihrer Schauspielkunst, sondern auch der lebenslangen Zurichtung ihrer Körper. So können sie Dinge tun, die westlichen Stars nie gelingen werden, und mit Yuen Wo-Ping haben sie den Großmeister der Martial-Arts-Choreographie an ihrer Seite.

Die Kinetik des asiatischen Kinos, geführt und verfeinert durch den westlichen Blick von Ang Lee, blüht hier zu einer Meisterschaft auf, die einem großen Genre Ehre erweist und gleichzeitig schon eine Art Abgesang ist: Die Meister der Kampfkunst arbeiten inzwischen für die Dollars Hollywoods, um Keanu Reeves und Drew Barrymore ein wenig Eleganz beizubringen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.04./01.05.2005)

Von Tobias Kniebe
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    foto: süddeutsche cinemathek
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