Klappernde Musik für niedere Instinkte: Hasil "Haze" Adkins 1937-2005

6. Mai 2005, 15:19
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In einem Bergarbeiter­kaff in West Virginia versuchte er unter Beweis zu stellen: Der Rock'n'Roll ist und bleibt die Musik des Teufels

Wien - 1956 machte sich in Memphis der Rock'n'Roll gerade daran, die Welt zu erobern. Zur gleichen Zeit versuchte von Madison aus, einem Bergarbeiterkaff in West Virginia, ein mehr dem Feuer-als Weihwasser zusprechender Sohn des White Trash, diese Revolution des Guten, Wahren und Schönen (mit der Betonung auf schön blöd) sofort wieder kurz und klein zu schlagen.

Dort, wo sich in den Kirchen die besonders Mutigen bis heute gern von Klapperschlangen beißen lassen, um ihre Glaubensfestigkeit unter Beweis zu stellen, übte sich einer mit Gitarre und selbst gebasteltem Schlagzeug, billigem Mikro und einem Bandgerät aus dem Ramsch fortan daran, eines unter Beweis zu stellen. Elvis konnte zwar singen wie ein Engel. Der Rock'n'Roll aber ist und bleibt die Musik des Teufels!

Hasil ,,Haze" Adkins, der den Rock'n'Roll eines Elvis nur aus dem Radio kannte, glaubte einerseits daran, dass sein Held alle Instrumente gleichzeitig spielen würde. Und das, während er sang! Und, weiß der Teufel, Hasil versuchte dies als Ein-Mann-Band nachzustellen.

Zum anderen brüllte und donnergurgelte er im Schnapswahn, fortan dokumentiert auf unzähligen Singles, nicht etwa darüber, wie man bei den Mädchen unter die Bluse kommt. Als Fan grottenschlechter Horrorfilme verlegte er sich bald darauf, dass er in seinen Liedern den unerreichbaren Objekten des hormonellen Strebens einfach die Köpfe abrasierte.

Kluge Leute nennen das Kompensation. Ein Geschäft ist damit nicht zu machen. Historisch bis heute einzigartige, außerhalb jeder Norm liegende, dilettantisch eingespielte, aber umso herzhaftere Songs wie ,,I Need Your Head (This Ain't No Rock'n'Roll Show)" oder ,,We Got A Date (I'm Gonna Cut Your Head Off)" oder ,,(I'm Gonna Cut Your Head Off, So You Can Eat) No More Hot Dogs'" zeigen bis heute, dass Rock'n'Roll uns zwar mit zwinkerndem Auge, aber trotzdem ganz schön krank kommen kann.

In Abwandlung der US-Bezeichnung ,,Hillbilly" für Hinterwäldler tauchte für diese Kunst für die niederen Instinkte der Begriff ,,Psychobilly" auf. Einem kleinen, umso einflussreicheren Kreis von Hörern wurde Adkins erst relativ spät bekannt. In den späten 70ern coverten The Cramps, Rock'n'Roll-Wiederbeleber aus New York, kongenial Hasils Meisterwerk ,,She Said" aus 1964. Ein zweieinhalbminütiger Ritt durch die Federn, dessen Lustschreie einem das Blut gefrieren lassen.
Adkins veröffentlichte in Folge erstmals Langspielplatten wie ,,Out To Hunch" oder ,,The Wild Man". Er wurde wegen seiner exzessiven Soloshows ein gefragter Live-Musiker. Und er beeinflusste unzählige junge Bands auf ihrem Weg zu den dunklen Seiten des Rock'n'Roll. Wegen notorischer Konflikte mit dem Gesetz (Schießereien, Schlägereien, Suff) erlaubte ihm die Bewährungshilfe bis zuletzt keine Auftritte außerhalb der USA. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Hasil Adkins am Dienstag zu Hause in Madison einem Herzinfarkt erlegen. Er war von einem Lastauto angefahren worden, blieb aber anscheinend unverletzt und wurde vom Krankenhaus heimgeschickt. Der Schreck darüber muss allerdings tief gesessen haben. Was für ein Lied er daraus gemacht hätte. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.04./01.05.2005)

Von Christian Schachinger
  • Nährte den Mythos des "Shockabilly" als Einmannorchester: Hasil Adkins
    foto: fat possum

    Nährte den Mythos des "Shockabilly" als Einmannorchester: Hasil Adkins

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