Die Braut in der Turnhalle

29. April 2005, 20:53
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Premiere von Smetanas "Die verkaufte Braut" an der Volksoper Wien: Re­gisseur Uwe Eric Laufen­berg im STANDARD- Interview über Trachten, Turnhallen und Turbokapitalismus

STANDARD: Herr Laufenberg, Sie kommen gerade von einer Probe. Sind die Probenbedingungen in Wien eigentlich karger oder üppiger als an anderen europäischen Opernhäusern?

Laufenberg: Da gibt es schon Unterschiede. Dadurch, dass die Volksoper ein Repertoiretheater ist, muss man zwei Besetzungen für die Hauptpartien einstudieren. In Deutschland kriegt man in der Regel drei bis vier Wochen, in denen man die Sache mit einer Besetzung einstudieren muss. In Wien bin ich jetzt fast zwei Monate, und die Besetzungen wechseln andauernd. Das ist natürlich ein komplizierteres Arbeiten, und ich bin nicht sicher, ob es das bessere Arbeiten ist. Ein gemeinsamer Geist, eine Sensibilität ist da nur schwer herzustellen.

STANDARD: Sie kommen vom Sprechtheater. Muss man da, wenn man mit Sängern arbeitet, eigentlich Abstriche machen, was die schauspielerischen Intentionen anbelangt?

Laufenberg: Normalerweise eigentlich nicht. Durch die Musik können die Sänger noch unmittelbarer und direkter in Situationen und Ausdrücke gehen. Und es gibt ja heute auch eine Garde von Sängern, die das wollen, die wissen, dass ihr Erfolg nicht nur darin liegt, dass sie jetzt den einen hohen Ton in der richtigen Lautstärke singen, sondern dass sie als Gesamtkünstler überzeugen müssen.
STANDARD: Herr Laufenberg, Sie kommen gerade von einer Probe. Sind die Probenbedingungen in Wien eigentlich karger oder üppiger als an anderen europäischen Opernhäusern?

Laufenberg: Da gibt es schon Unterschiede. Dadurch, dass die Volksoper ein Repertoiretheater ist, muss man zwei Besetzungen für die Hauptpartien einstudieren. In Deutschland kriegt man in der Regel drei bis vier Wochen, in denen man die Sache mit einer Besetzung einstudieren muss. In Wien bin ich jetzt fast zwei Monate, und die Besetzungen wechseln andauernd. Das ist natürlich ein komplizierteres Arbeiten, und ich bin nicht sicher, ob es das bessere Arbeiten ist. Ein gemeinsamer Geist, eine Sensibilität ist da nur schwer herzustellen.

STANDARD: Sie kommen vom Sprechtheater. Muss man da, wenn man mit Sängern arbeitet, eigentlich Abstriche machen, was die schauspielerischen Intentionen anbelangt?

Laufenberg: Normalerweise eigentlich nicht. Durch die Musik können die Sänger noch unmittelbarer und direkter in Situationen und Ausdrücke gehen. Und es gibt ja heute auch eine Garde von Sängern, die das wollen, die wissen, dass ihr Erfolg nicht nur darin liegt, dass sie jetzt den einen hohen Ton in der richtigen Lautstärke singen, sondern dass sie als Gesamtkünstler überzeugen müssen.
STANDARD: Waren Sie eingebunden in die Auswahl der Sänger?

Laufenberg: Nein, das war hier ausnahmsweise nicht der Fall.

STANDARD: Und warum nicht?

Laufenberg: Das möchte ich nicht kommentieren.

STANDARD: Sie haben in einem Interview die Aufgabe eines Regisseurs dahingehend beschrieben, "den Nerv eines Stückes wieder brennend" zu machen. Wo liegt der Nerv der "Verkauften Braut", und mit welchen Mitteln werden Sie ihn in Ihrer Inszenierung wieder brennend machen?

Laufenberg: Die Verkaufte Braut galt in der Aufführungstradition als komisches, nett folkloristisches Stück. Zum Volk vorzudringen, das diese Folklore ja einmal erfunden hat, damit es überhaupt eine Identität hat, ist keine einfache Sache. Da ist zum Beispiel die Marie. Sie muss sich entscheiden, ob sie an ihre Liebe glaubt und sagt: ,Okay, das riskier' ich, dafür breche ich notfalls auch mit einer Gemeinschaft.' Oder soll sie auf ihre Eltern hören, die arm sind und nichts zu fressen haben, und jemanden nehmen, der zwar eine Sprachhemmung hat, aber eben auch einen Riesenbauernhof und ein paar Millionen? Das ist dann schon ein Problemfeld, das man heute in der Welt durchaus hat - und in dem Turbokapitalismus, der da drüben in Osteuropa angefangen hat, ja erst recht. Haben wir noch Werte, an die wir glauben? Oder geht es eh nur noch darum, alles zu verkaufen, was man hat, und die größtmögliche Summe dafür rauszuschlagen?

STANDARD: Die große Frage "Geld oder Liebe" also?

Laufenberg: Geld oder Liebe, Gemeinschaft oder individuelles Glück. Die Antwort gibt die Smetana-Musik: Die ist so kräftig, so lebensbejahend, auch in ihren Melancholien und in ihrer Trauer. Klar: Man fühlt sich heute von der Globalisierung erdrückt, überrollt. Wenn man an so einer Musik aber so ein bisschen rauslauschen kann, dass es immer möglich ist und auch gut ist, sich als Person ins Spiel zu bringen, dann kann so ein Abend den Menschen auch etwas Positives geben.

STANDARD: In der "Verkauften Braut" gibt es von allem ein bisschen: Komödie, Tragödie, Folklore, Zirkusshow. Ist das leicht zu inszenieren, weil da immer was los ist, oder schafft diese Heterogenität auch inszenatorische Probleme?

Laufenberg: Also, wir haben versucht, einen Grundnenner zu finden, ein Bild. Gut, ich sag jetzt einmal, wie es ist: Das Stück spielt in einer Turnhalle. Da hieß es vonseiten der Volksoper zuerst: ,Um Gottes Willen, das nun schon wieder!' Wie man dann aber gehört hat, dass es auch Trachten gibt, dass da eine Spanne versucht wird zwischen Tradition und Heute, da war man schon neugieriger. Und jetzt ist die Stimmung ganz gut, weil man sieht, dass es nicht darum geht zu brüskieren oder nur einen kleinen Aspekt rauszunehmen, sondern das Stück als Ganzes zu erzählen.

STANDARD: Das Personal der "Verkauften Braut" ist eher klischeehaft gestaltet: der Depp, der Kuppler, das Liebespaar ...

Laufenberg: Ja, aber da habe ich mich nicht so dran gehalten. Ich habe versucht, die Charaktere in ihrer Breite zu untersuchen. Der Hans z. B.: Die Mutter ist gestorben, mit der Stiefmutter hat's gar nicht funktioniert, und er ist mit 14 einfach abgehauen. Das hat bei ihm emotionale Kollateralschäden verursacht, hat ihn verschlossen gemacht. Oder der Wenzel: Natürlich kann man den einfach als stotternden Blödian zeichnen. Der ist aber eigentlich ein Mensch, der von seiner Mutter von allem weggehalten worden ist und der zum ersten Mal mit der Liebe konfrontiert wird. Da sind komplizierte Vorgänge drin, die der Smetana auch alle auskomponiert hat! Wenn man die Personen zu platt charakterisiert und die Wertigkeiten zu früh verteilt, dann kommt man, glaube ich, nicht auf die Tiefe, die das Ding doch wirklich haben kann.

STANDARD: Waren Sie eingebunden in die Auswahl der Sänger?

Laufenberg: Nein, das war hier ausnahmsweise nicht der Fall.

STANDARD: Und warum nicht?

Laufenberg: Das möchte ich nicht kommentieren.

STANDARD: Sie haben in einem Interview die Aufgabe eines Regisseurs dahingehend beschrieben, "den Nerv eines Stückes wieder brennend" zu machen. Wo liegt der Nerv der "Verkauften Braut", und mit welchen Mitteln werden Sie ihn in Ihrer Inszenierung wieder brennend machen?

Laufenberg: Die Verkaufte Braut galt in der Aufführungstradition als komisches, nett folkloristisches Stück. Zum Volk vorzudringen, das diese Folklore ja einmal erfunden hat, damit es überhaupt eine Identität hat, ist keine einfache Sache. Da ist zum Beispiel die Marie. Sie muss sich entscheiden, ob sie an ihre Liebe glaubt und sagt: ,Okay, das riskier' ich, dafür breche ich notfalls auch mit einer Gemeinschaft.' Oder soll sie auf ihre Eltern hören, die arm sind und nichts zu fressen haben, und jemanden nehmen, der zwar eine Sprachhemmung hat, aber eben auch einen Riesenbauernhof und ein paar Millionen? Das ist dann schon ein Problemfeld, das man heute in der Welt durchaus hat - und in dem Turbokapitalismus, der da drüben in Osteuropa angefangen hat, ja erst recht. Haben wir noch Werte, an die wir glauben? Oder geht es eh nur noch darum, alles zu verkaufen, was man hat, und die größtmögliche Summe dafür rauszuschlagen?

STANDARD: Die große Frage "Geld oder Liebe" also?

Laufenberg: Geld oder Liebe, Gemeinschaft oder individuelles Glück. Die Antwort gibt die Smetana-Musik: Die ist so kräftig, so lebensbejahend, auch in ihren Melancholien und in ihrer Trauer. Klar: Man fühlt sich heute von der Globalisierung erdrückt, überrollt. Wenn man an so einer Musik aber so ein bisschen rauslauschen kann, dass es immer möglich ist und auch gut ist, sich als Person ins Spiel zu bringen, dann kann so ein Abend den Menschen auch etwas Positives geben.

STANDARD: In der "Verkauften Braut" gibt es von allem ein bisschen: Komödie, Tragödie, Folklore, Zirkusshow. Ist das leicht zu inszenieren, weil da immer was los ist, oder schafft diese Heterogenität auch inszenatorische Probleme?

Laufenberg: Also, wir haben versucht, einen Grundnenner zu finden, ein Bild. Gut, ich sag jetzt einmal, wie es ist: Das Stück spielt in einer Turnhalle. Da hieß es vonseiten der Volksoper zuerst: ,Um Gottes Willen, das nun schon wieder!' Wie man dann aber gehört hat, dass es auch Trachten gibt, dass da eine Spanne versucht wird zwischen Tradition und Heute, da war man schon neugieriger. Und jetzt ist die Stimmung ganz gut, weil man sieht, dass es nicht darum geht zu brüskieren oder nur einen kleinen Aspekt rauszunehmen, sondern das Stück als Ganzes zu erzählen.

STANDARD: Das Personal der "Verkauften Braut" ist eher klischeehaft gestaltet: der Depp, der Kuppler, das Liebespaar ...

Laufenberg: Ja, aber da habe ich mich nicht so dran gehalten. Ich habe versucht, die Charaktere in ihrer Breite zu untersuchen. Der Hans z. B.: Die Mutter ist gestorben, mit der Stiefmutter hat's gar nicht funktioniert, und er ist mit 14 einfach abgehauen. Das hat bei ihm emotionale Kollateralschäden verursacht, hat ihn verschlossen gemacht. Oder der Wenzel: Natürlich kann man den einfach als stotternden Blödian zeichnen. Der ist aber eigentlich ein Mensch, der von seiner Mutter von allem weggehalten worden ist und der zum ersten Mal mit der Liebe konfrontiert wird. Da sind komplizierte Vorgänge drin, die der Smetana auch alle auskomponiert hat! Wenn man die Personen zu platt charakterisiert und die Wertigkeiten zu früh verteilt, dann kommt man, glaube ich, nicht auf die Tiefe, die das Ding doch wirklich haben kann.(DER STANDARD, Printausgabe, 30.04./01.05.2005)

Uwe Eric Laufenberg sprach mit Stefan Ender

Zur Person

Uwe Eric Laufenberg, in Köln geboren, war Assistent von Ruth Berghaus und Peter Stein, Oberspielleiter am Maxim Gorki Theater in Berlin und ist seit 2004 Intendant des Hans Otto Theaters in Potsdam. Er inszenierte u. a. "Boris Godunow" an der Komischen Oper Berlin, "Tosca" an der Opéra National de la Monnaie in Brüssel oder "Der Rosenkavalier" an der Dresdner Semperoper. "Die verkaufte Braut" ist seine erste Regiearbeit an der Volksoper. (end)
  • Hatte Schwierigkeiten, an der Volksoper "einen gemeinsamen Geist" herzustellen: Regisseur Uwe Eric Laufenberg.
    foto: standard/corn

    Hatte Schwierigkeiten, an der Volksoper "einen gemeinsamen Geist" herzustellen: Regisseur Uwe Eric Laufenberg.

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