Sydney Pollack: "Die drei Tage des Condor"

29. April 2005, 18:25
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Zwei Welten sind in dem Film. Das kalte, fahle Thriller-New-York der Vorweihnachtszeit. Paranoid.

Treten Sie bitte vom Fenster zurück!" Die junge Frau dreht sich um und sieht den Killer, die Schalldämpfer. Sie versteht. Man will sie erschießen, und die Kugeln sollen nicht das Fenster durchschlagen und die Welt da draußen irritieren.

Sie legt die Papiere, an denen sie gerade gearbeitet hat, ab. "Ich werde nicht schreien", sagt sie. Das weiß ich, nickt ihr Max von Sydow zu. Dann tritt die junge Frau vom Fenster weg in den Raum. Sie stirbt im großkalibrigen Plop-Plop der Schalldämpferschüsse.

Um Fenster, Türen, Durchgänge geht es in diesem Thriller. Eine wahnwitzige Konstruktion: Die CIA unterhält ein Büro, "Amerikanische Gesellschaft für Literaturgeschichte", das daherkommt wie die Außenstelle eines Goethe-Instituts. Es gibt eine schrullige Empfangsdame, einen vergesslichen Amtsleiter, eine Gruppe junger Angestellter untersucht Krimis, Comics, Romane für die CIA.

Sie sind aufgedreht, originell, frech. Ivy-League-Typen, post '68. Sie alle sterben in der Eröffnungssequenz. Auf irgendwas sind sie gestoßen. Einen Plot, in dem es um Öl, um amerikanische Interessen, um eine geheimdienstliche Operation geht.

Fenster, Türen, Durchgänge. Robert Redford ist entwischt. Er wollte Sandwiches holen. Er benutzt einen vergessenen Hinterausgang. Als er zurückkommt, findet er die Leichen der anderen. Er weiß, dass er in Gefahr ist. Er, der Condor, sucht den Kontakt zum Hauptquartier. "Wir holen Sie rein, Condor!". Doch da ahnt Redford schon, dass es die CIA selbst ist, die ihn jagt.

Zwei Welten sind in dem Film. Das kalte, fahle Thriller-New-York der Vorweihnachtszeit. Paranoid. Und eine Bühnenwelt: Das Institut mit seiner Theatertreppe. Faye Dunaways Souterrainwohnung. Die aussieht wie eine Broadway-Bühnenkulisse, in der Jahre zuvor eine blinde Audrey Hepburn herumtastete.

Der Condor will wieder hinein. In den Bühnenraum. Die Paranoia verlassen. Bei Faye Dunaway hat er Unterschlupf gefunden. Hier ist es warm. Das Licht gedämpft. Die Dialoge geschliffen.

Aber die Fenster sind nicht blind. Hier stoßen Bühnenstück und Großstadtthriller aufeinander. In diesen Durchgängen und Zwischenreichen ist der Condor gefangen, und Redford kämpft, friert, ein gehetzter Körper.

Man hat den Eindruck, als wolle Pollack mit diesem Film den Bühnenraum verlassen. Einen Raum, in dem er virtuos ist. An den er aber nicht mehr glaubt. Den es nicht mehr gibt, vielleicht nicht gegeben hat. Der Film betrachtet Redford, der das nicht einsehen will. Er betrachtet ihn. Ganz kalt. (DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.04.2005)

Von Christian Petzold
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    foto: süddeutsche cinemathek
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