Flinker Kobold mit boshaftem Eigenleben

4. Mai 2006, 12:18
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156 bis 170 Gramm Hartgummi mit einem Durchmesser von gerade 7,62 Zentimetern: Der Puck ist Kopf des Tages

Am Anfang der Geschichte steht die Legende, und die geht ungefähr so: Um 1850 herum hatten sie in Kanada die Idee, die schottische Variante eines Spiels mit krummen Schlägern und einem kleinen Ball aufs Eis zu verlegen. Shinty nannten es die Schotten, Shinney verstanden die Kanadier, und die Sache ließ sich zunächst äußerst zäh an. Auf dem Eis versprang der Ball dermaßen, dass er mit den krummen Hölzern kaum zu bändigen war, und, so muss man gerade dieser Tage hinzufügen: Die Kanadier hatten ihr Spielfeld nicht bei Wiener Eismeistern bestellt, es war uneben à la nature.

Jedenfalls wurde einem Spieler das Gemurkse schließlich zu blöd,- er schnappte sich den Ball, schnitt ihm Nord- und Südpol ab, ließ zweieinhalb Zentimeter um den Äquator herum- stehen, und siehe da: Aus- dem Globus ward wieder eine Scheibe, die Alten hatten so Unrecht also nicht.

Es war ein Durchbruch, der sich im ersten regulären Eishockeyspiel am dritten März 1875 in Montreal manifestierte, in dem Studenten der McGill-Universität gegen ihre Professoren antraten. Die schwarze Scheibe, fortan Puck genannt, erwies sich bald als Motor des gesamten Spiels: Der Puck macht das Tempo, sein eigenes wie das der Spieler, er lässt die Spielzüge auf dem Eis sichtbar werden, er bewegt sich (idealerweise) wie am Gummiband von Schläger zu Schläger und führt doch ein boshaftes Eigenleben.

Wer je eine plötzlich aufstehende Scheibe einen Meter über das Tor gesemmelt hat, statt sie gemütlich ins Eck zu schieben, behält für immer wenigstens ein bisschen Respekt vor dem schwarzen Kobold. Der ist auch angebracht, aktiv wie passiv. Auf kaum ein anderes Sportgerät wird von durchwegs kräftigen Herren so erbarmungslos draufgehaut wie auf diese 156 bis 170 Gramm Hartgummi, die gerade einen Durchmesser von 7,62 Zentimeter aufbringen.

Das kann ziemlich wehtun, und ein voll durchgezogener Fußball bei einem Freistoß fühlt sich auf dem Kopf um einiges angenehmer an als ein scheinbar harmlos daherflatternder abgefälschter Puck. Das eine bedeutet maximal Gehirnerschütterung, das andere minimal Zahnersatz. Bis zu 170 Kilometer schnell können die Dinger bei den härtesten Schüssen werden, da machen sich selbst die hartge^sottensten Verteidiger lieber schmal und lassen ihrem Goalie den Schaden.

Speed kills, könnte man in Anlehnung an einen großen österreichischen Eishackler der Politik sagen, und das macht Hockey so schön. Kein anderer Sport verlangt so viel Antizipation, körperliche und geistige Präsenz, kein anderer ist intensiver, technisch anspruchsvoller und zugleich fairer. Und poetischer, wie- der flinke Puck im "Sommernachtstraum" singt: "I go, I go; look how I go: Swifter than an arrow from the Tartar's bow." (Samo Kobenter - DER STANDARD PRINTAUSGABE 30.4./1.5. 2005)

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    grafik: derstandard.at
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