EU will mehr Ältere arbeiten lassen

9. Mai 2005, 13:53
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Die Europäische Kommission liest Österreich die Leviten, weil hier zu Lande die Beschäftigungsquote von älteren Arbeitnehmern krass unter dem EU-Schnitt liegt

Wien - In Österreich liegt die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen bei lediglich 30 Prozent. Damit hinkt man dem EU-Wert um zehn Prozentpunkte, dem vom Europäischen Rat angepeilten Ziel sogar um krasse 20 Prozentpunkte hinten nach. Vladimír Spidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, lässt blanke Zahlen sprechen, um seinen Appell plakativ zu untermauern: "Die Beschäftigung älterer Menschen muss für Österreich eine vorrangige politische Herausforderung sein." Die Zeit dränge.

Kommt keine Trendumkehr, drohe Österreich im Wettlauf um Wachstum und Jobs "unweigerlich zurückzufallen", warnt Spidla. Und Matthias Horx, international tätiger Zukunftsforscher mit Sitz in der hessischen Kommission zur Altersfrage, ergänzt im STANDARD-Gespräch: "Ein Staat, der die Altersarbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommt, ruiniert sich selbst."

"Radikale Flexibilität"

Im Gegensatz zur Alpenrepublik haben Staaten wie Finnland, Dänemark, Schweden oder Großbritannien die Zeichen längst erkannt. Beispiel Finnland: Dort gelang es innerhalb von fünf Jahren den Anteil älterer Beschäftigter um 13 Prozentpunkte anzuheben. Und auch das transatlantische Gefälle beim Wirtschaftswachstum zwischen USA und Europa erklärt Spidla "unter anderem mit wesentlich mehr älteren US-Arbeitnehmern."

Horx wiederum verweist auf Island, wo das Renteneinstiegsalter bei 66 Jahren bzw. die Altersarbeitslosenquote bei "marginalen vier Prozent liegt." Erreicht werde dies mit "radikaler Flexibilität bei den Arbeitszeiten, einem niedrigen Kündigungsschutz und Weiterbildungsmöglichkeiten bis ins hohe Alter.

Immer weniger junge Arbeitskräfte

Mit Blick auf die demographische Entwicklung ist Spidlas Aufruf nach Tempo leicht nachzuvollziehen: Die EU-Bevölkerung im Erwerbsalter wird in den nächsten 25 Jahren um 20 Mio. Menschen abnehmen; allein in den nächsten fünf Jahren wird die Zahl der 55- bis 64-Jährigen um fast zehn Prozent steigen, während es parallel dazu immer weniger junge Arbeitskräfte geben wird. Wie die Sozialpartner am Freitag unisono betonten, müssen Wirtschaft und Politik "Anreize schaffen, damit Beschäftigte produktiv länger im Arbeitsprozess bleiben können." Erfahrene Leute im Arbeitsprozess zu halten ist "kein Luxus, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit", unterstrich auch der EU-Kommissar.

Notwendig seien dafür primär moderne Pensionssysteme. Schweden biete etwa "ein interessantes Beispiel." Dort werden Pensionsbeiträge zwar nach dem Umlageverfahren, aber in individuellen Pensionskonten angespart. Ab 61 Jahren kann man sich – auf seinem Kontostand beruhend – eine Pension berechnen lassen, die davon abhängt, wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung zu diesem Zeitpunkt ist.

Vorruhestandsregelungen "kurzsichtig"

Wesentlich sei auch die Beseitigung von Anreizen bei der Frühpensionierung. Vorruhestandsregelungen sind kurzsichtig, meint Spidla, der Österreich in diesem Punkt für seine Reformen lobt. Außerdem pocht er auf moderne Arbeitsorganisationen, welche für den Verbleib Älterer im Job von hoher Bedeutung seien.

Die Zahl langgedienter Mitarbeiter, die schlechte Arbeitsplätze verlassen, ist viermal höher als jene, die aus einem Job mit hoher Qualität aussteigen. Qualität bedeutet für die EU aber auch, Älteren den Übergang in die Rente zu erleichtern, indem ihnen eine Palette an Arbeitsformen offeriert wird. Etwa "Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten in Verbindung mit der teilweisen Auszahlung einer Pension". (Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2005)

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