Deutschland kapitulierte am 8. Mai 1945 vor den West-Alliierten

8. Mai 2005, 06:00
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Weltweites Feiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes - mit Grafiken zur Nachkriegsordnung und dem geteilten Europa

London - Den 60. Jahrestag des Kriegsendes feiern die Briten am 8. Mai mit einem Popkonzert auf dem Trafalgar Square. In anderen Ländern mag man das unpassend fröhlich finden, doch die Briten verbinden den Zweiten Weltkrieg nicht nur mit Tod und Entbehrung - er ist für sie der Höhepunkt ihrer Geschichte.

Ein Jahr lang, von der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 bis zum Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, standen sie allein gegen Hitler. Dass sie damals seine Friedensangebote zurückwiesen, obwohl sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals schon die Invasionstruppen sammelten, das bleibt auf ewig ihre "finest hour" - ihre größte Stunde.

Ruhe ... Unruhe

Bald nachdem im März 1945 die letzten deutschen Raketen in London eingeschlagen waren, beschwerten sich Leute paradoxer Weise über die "unerträgliche Ruhe"; die Nachfrage nach Schlaftabletten stieg schlagartig an. Gleichzeitig klagten Busschaffner über größere Unfreundlichkeit, Parkwächter über mehr Müll und Lehrer über zunehmendes Schuleschwänzen. Der Krieg war vorbei - und manche vermissten ihn schon.

In Großbritannien trifft man immer wieder alte Leute, die den Krieg als die schönste Zeit ihres Lebens beschreiben, ähnlich wie die vor drei Jahren gestorbene Queen Mum. Sie erzählen dann von dem "wunderbaren Gemeinschaftsgefühl", das mitten im "Blitz", der Bombardierung britischer Städte durch die Luftwaffe, entstand. Sie erinnern sich, wie nach jeder Bombennacht wieder der Milchmann seine Flaschen vor die Tür stellte und die zerbeulten Doppeldeckerbusse pünktlich losfuhren. Je weiter der Krieg in der Vergangenheit versinkt, desto mehr erscheint er als romantisches Abenteuer.

Washington - Die wichtigste Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes findet für die Amerikaner in Moskau statt. Dort wird US-Präsident George W. Bush an der zentralen Gedenkveranstaltung teilnehmen. Mehrere amerikanische Fernsehsender planen Direktübertragungen aus der russischen Hauptstadt. Die Erinnerung an Kriegsende und Kriegsverlauf sind in den USA höchst lebendig. Filme und TV-Serien halten die Erinnerung wach.

In den Vereinigten Staaten selbst sind neben einer zentralen Veranstaltung in Washington mehrere regionale Feiern übers Jahr verstreut geplant. In der US-Hauptstadt hat das Verteidigungsministerium (Pentagon) zu einer Veranstaltung am 8. Mai bei dem 2004 fertig gestellten, monumentalen Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs eingeladen. Hier wird in Anwesenheit von Heeresminister Francis Harvey und dem US-Generalstabschef Richard Myers des "herausragenden Dienstes und der Opfer der Veteranen im II. Weltkrieg" gedacht, so das Ministerium. Viele Senatoren, Abgeordnete und Veteranen sowie Angehörige der Kriegsopfer werden erwartet.

Darüber hinaus stehen zwischen Ende Mai und Ende August Veranstaltungen unter anderem in San Diego (Kalifornien), Boston (Massachusetts), und Chicago auf dem Programm. Etwa vier der 16 Millionen Amerikaner, die während des Zweiten Weltkriegs in den US-Streitkräften dienten, sind nach einem Bericht der "St. Petersburg Times" heute noch am Leben.

Party

Als der Sieg über Nazi-Deutschland am 8. Mai feststand, brach in vielen amerikanischen Städten Jubel aus. Historiker Earl Rickard schrieb: Es begann "die längste und größte Party der Geschichte" in den USA.

Allerdings war die Freude bei "V-D-Day" (Sieg über Deutschland) noch verhalten, denn die USA befanden sich noch mitten im Krieg mit Japan. Erst im Juni 1945 wurde nach erbitterten Kämpfen Okinawa erobert. Um dem Krieg ein rasches Ende zu bereiten, warfen die USA Anfang August Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Am 2. September 1945 kapituliert Japan.

Die größten Jubelfeiern in den USA fanden aber Mitte August - mit dem Höhepunkt am 15. August - statt. Damals versammelten sich in der Erwartung des sicheren Sieges im Zweiten Weltkrieg Millionen in den Innenstädten Amerikas, Hunderttausende kamen im Zentrum von New York in Manhattan am Times Square zusammen und feierten.

Moskau - Auf kein historisches Datum ist Russland so stolz wie auf den 9. Mai 1945. Vor 60 Jahren kapitulierte das geschlagene Hitler-Deutschland in Berlin bedingungslos vor den sowjetischen Truppen. Am Tag zuvor hatte das Deutsche Reich bereits bei den den West-Alliierten die Waffen gestreckt. Zum prunkvollen Gedenken an den Sieg lädt der russische Präsident Wladimir Putin Alliierte wie ehemalige Gegner nach Moskau ein. "Der Zweite Weltkrieg war die größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit und zugleich die wichtigste Lektion für die heutige Generation und alle zukünftigen", so Putin.

Erwartet werden am 9. Mai US-Präsident George W. Bush, Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der britische Premier Tony Blair, sowie der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und Japans Regierungschef Junichiro Koizumi. Die Staatsoberhäupter aus Polen und Lettland nehmen nur mit Bedenken an den Moskauer Feiern teil, Estland und Litauen verzichten auf eine Teilnahme. Der neue ukrainische Staatschef Viktor Juschtschenko will den 9. Mai mit Veteranen in Kiew feiern - nicht mit einer Parade, sondern mit einer großen Mittagstafel auf der Hauptstraße Kreschtschatik.

Raum

Die Feier in Moskau ist absehbar das letzte große Jubiläum, an dem Kriegsveteranen der Roten Armee noch mitfeiern können. Die staatlichen Jubelfeiern lassen in Russland wenig Raum für private Trauer um Toten und Vermisste. In der mittleren Generation überwiegt nach Umfragen ein Gefühl der Erniedrigung, weil es der Siegermacht heute wirtschaftlich schlechter geht als den Besiegten. In der jüngeren Generation interessieren sich viele nicht mehr für den Krieg, während andere denken mit Stolz an das Heldentum der Großeltern.

Kein anderes Land hatte so viele Weltkriegs-Tote zu beklagen wie die Sowjetunion. Schätzungen gehen bis zu 27 Millionen. Beim deutschen Überfall 1941 wurden Tausende Städte und Dörfer in der UdSSR verwüstet, bis 1942/43 in der Schlacht von Stalingrad die Wende gelang. Im Gegenschlag trieb die vom Sowjetdiktator Josef Stalin befehligte Rote Armee die Deutschen bis zur Elbe vor sich her und hisste die rote Flagge auf dem Reichstag in Berlin.

Parade

Das Gedenken an "Pobeda", den Sieg, fällt in Russland traditionell militärisch und pompös aus, und bisher nutzte jede Moskauer Führung die offizielle Erinnerung zur Selbstdarstellung. Für die Parade auf dem Roten Platz werden 2.600 Veteranen, Männer und Frauen um die 80 Jahre, noch einmal Uniform und Orden anlegen und auf Nachbauten sowjetischer SIL-Armeelastwagen an den Staatsgästen auf der Tribüne am Lenin-Mausoleum vorbeifahren; 7.000 junge russische Soldaten trainieren seit Wochen für den Vorbeimarsch.

Auf Diktator Josef Stalin fällt trotz kritischer Aufarbeitung der Kriegsgeschichte - beispielsweise bezüglich der sinnlos hohen Verluste der Roten Armee - wieder etwas Glanz durch eine Verklärung der aufopferungsvollen Heldentaten. Kritik aus Staaten Ost- und Mitteleuropas, für die auf die Befreiung vom Faschismus die sowjetische Unterjochung folgte, versteht Russland nicht. Putin sagte jüngst, er empfehle "den frisch gebackenen Historikern, die die Geschichte umschreiben wollen, erstmal Bücher lesen zu lernen".

Das deutsch-russische Verhältnis war trotz der Millionen Toten laut Kanzler Schröder "noch nie so gut". Beim 50. Jahrestag der Kapitulation vor zehn Jahren reiste Schröders Vorgänger Helmut Kohl zwar nach Moskau, vermied aber eine Teilnahme an der Siegesparade; Schröder wird mit den anderen Gästen auf der Tribüne sitzen. (APA/dpa)

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    Die Nachkriegsordnung 1945

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    Geteiltes Europa nach dem Zweiten Weltkrieg

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