Die Buffet-Hemmung

4. Mai 2005, 20:56
38 Postings

"Der zeitgemäße Alltag erfordert Anpassungen und Lerntechniken ohne Ende. Evolution at work, sozusagen", meint mein Tischnachbar

Bei aller Bescheidenheit darf ich doch behaupten, ein Vollprofi zu sein. Und zwar, wenn es darum geht, Speisekarten in blitzartiger Geschwindigkeit nicht nur zu sichten, sondern auch sogleich eine Wahl (und nicht die schlechteste!) zu treffen, als auch am Buffet, wo selten wer schneller und effektiver zugange ist als ich. Jawohl, wenn man damit Geld verdienen könnte, aus einer noch so dicken Speisekarte in höchstem Tempo eine einigermaßen gute Wahl zu treffen (der liebste Mensch der Welt meint, ich lese die Speisekarte nicht, ich scanne), beziehungsweise Drogeriegutscheine erhielte für die Fähigkeit, am Buffet sowohl rasch zu wählen als auch ebenso rasch zuzugreifen, dann wäre ich verdammt reich und hätte ein sagenhaft gepflegtes Äußeres.

Tatsächlich verhält es sich aber anders. Denn nicht selten treffe ich gerade an Buffets oder vor erlesen sortierten Vitrinen Damen und Herren, die sich durch ein sagenhaft gepflegtes Äußeres ebenso auszeichnen wie durch offensichtlichen Reichtum, die dann in dieser Situation aber so was von scheitern, dass man sich echt nur fragen kann, wie die es allein über die Straße schaffen. Ein Lokal, das ich mittags oft und gerne besuche, besitzt da etwa eine Vitrine, in der sich ungefähr zwanzig verschiedene Gattungen von bestrichenen oder belegten Brötchen befinden, wobei die Zusammensetzung des Bestrichs und Belags erstens mit ein ganz klein wenig Fantasie auf den ersten Blick zu erkennen ist, als auch zweitens die genaue Bezeichnung des Brot-Belages auf einem Kärtchen vor den Brötchen abzulesen ist.

Was nicht wenige Menschen dennoch dazu bringt, sich hilfesuchend an die Fachkraft hinter der Budel (Frau Manuela) zu wenden, auf dass die arme Frau den Ratlosen Namen und Inhalte aller Brötchen also noch einmal vorbetet und dabei die sich einstweilen bildende Schlange der Ungeduldigen im Auge behalten muss, um etwaigen sich bildenden Tumulten durch Service auf zwei Ebenen zu begegnen. Was die Ratlosen in ihrer Entscheidungsfindung allerdings auch nicht beschleunigt, im Gegenteil, mit aufgerissenen Augen stehen sie da und haben Angst, die falsche Wahl zu treffen und somit unweigerlich alles Unheil des Universums auf sich zu ziehen. Da krieg ich dann meistens einen ganz schön dicken Hals, auch, wenn ich’s gerade nicht eilig habe, und strafe die immer noch Gehemmten mit einer Stakkato-Bestellung, dass Frau Manuela gar nicht mit dem Beladen des Tellers nachkommt. Jawoll.

Es dürfte sich da aber um was Pathologisches handeln (bei den Unentschlossenen, nicht bei mir!), um irgendeine Phobie, Entscheidungsschwäche auf niedrigem Niveau oder so. Ich meine allerdings, so was kommt ja nicht plötzlich, dessen muss man sich ja bewusst sein, und dann halt Strategien fahren, wie etwa die ersten vier von links zu nehmen, oder jedes zweite, oder alle, bei denen was Rotes vorkommt, oder was weiß ich. Wie auch immer, solchen Gehemmten gehört jedenfalls mein Mitleid, kein Pardon empfinde ich hingegen bei denen, die sich nicht mit aller zu Verfügung stehenden Konzentration einem Buffet nähern, vielleicht noch irgendwie plaudern, telefonieren, lesen, in der Nase bohren oder sonst wie die Chose aufhalten. Da geht mir dann das Geimpfte auf. Ich mein, lässig sein gut und schön, und es soll sich eh jeder überall und die ganze Zeit verwirklichen können – aber am Buffet hört sich der Spaß nun halt einmal auf. Buffet ist quasi der Ernst des Lebens, braucht effiziente, konzentrierte und kontrollierte Menschen. Am Buffet überleben nur die Stärksten und Schnellsten. Den Schwachen und Wankelmütigen bring ich gerne was mit, aber bitte nicht im Weg stehen.
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.