Südfrüchte und die blaue Stunde im Gemeinderat

1. Mai 2005, 20:25
1 Posting

Erstes Gestichel zwischen FPÖ und BZW - Kenesei stimmt erstmals gegen "seinen" ÖVP-Klub

Wien - Wenn eine Partei, zerstritten und zerrissen, erstmals in zwei Fraktionen einer Gemeinderatssitzung beiwohnt, kann man einiges erwarten. Das muss doch reiben und rangeln, da muss es doch hin und wieder hergehen.

Es begann Donnerstagvormittag mit der Verteilung von Südfrüchten. Je eine Orange für jedes Gemeinderatsmitglied hatten die Abgeordneten vom FPÖ-Spaltprodukt "Bündnis Zukunft Wien" (BZW) mitgebracht. Nur ihre Ex-Parteifreunde der Rest-FPÖ, die wurden mit Zitronen bedacht. Mit zwei Ausnahmen: FP-Stadträtin Karin Landauer und FP-Gemeinderat Herbert Madejski, waren ebenfalls Orangen-würdig. Ob in alter Verbundenheit - oder um die beiden bloßzustellen, das mag man erst ergründen.

Gute Laune, kurzer Biss

Ein kurzes Zurückbeißen nur: "Das Kasperltheater in der FPÖ hat sich woanders hin verabschiedet", meint FP-Chef Heinz-Christian Strache gegenüber Journalisten. Ansonsten gab man sich in trauter fraktioneller Zweisamkeit im blau-orangen Sektor demonstrativ gut gelaunt.

Und das BZW kann dann gleich den ersten politischen Kraftakt verkünden: Man werde diesmal für die Subvention von Radio Orange stimmen! Ein Anlass, der auch in eine andere Fraktion spaltete: Der Ex-Grüne Günter Kenesei stimmte ebenfalls für Radio Orange - und damit gegen seinen jetzigen ÖVP-Klub. Kommentar von grüner Seite: "Ich glaub, bei den Schwarzen haben s' ein bisserl einen Fundi-Realo-Konflikt."

Amtsraumlenkung

Im Gemeinderat kann man gut lustig sein - weil's auch einen Bürgermeister gibt, der Antwort steht. Zur Anfrage über das neue Büro für den Außenhandelsbeauftragten Walter Nettig im Seidler-Tower bekennt Michael Häupl: "Das ist nicht leicht zu beantworten, ich habe mich bisher nicht in Fragen der Amstsraumlenkung hervorgetan." Zwischenrufe der ÖVP. Häupl, grinsend: "Seids net neidig auf eam. Machts euch doch eure ÖAAB-Wirtschaftsbund-Gschichtln selber aus."

Dann aber doch der offene Konflikt zwischen Blauen und Orangen. Heidemarie Unterreiner (FP) zieht gegen das Volkstheater zu Felde, das ein neues Emblem hat: Fünf rote "V", die einen roten Stern andeuten. Unterreiner: Ob der "Sowjetstern" denn "fünfzehn Jahre nach Auflösung der DDR zeitgemäß sei?"

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) zelebriert ein wenig Wappenkunde, erinnert, dass sich die DDR Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf ihre Fahne heftete, während ja die UdSSR nicht nur den Stern führte, sondern Hammer und Sichel in der Fahne hatte - wie übrigens auch die Republik Österreich.

Und dann tritt BZW-Chef Günther Barnet auf, führt gnadenlos seinen Schlag gegen die FPÖ-Mandatarin aus: Unterreiner habe in einer Aussendung zur Bestellung des neuen Volkstheater-Chefs Michael Schottenberg geschrieben: "Die richtige Wahl zur richtigen Zeit." Das sitzt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 29.04.2005)

Share if you care.