Sympathische Balkan-Probleme

5. Mai 2005, 17:43
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Ljiljana Buttler, die Schwestern Hristovi und Martin Lubenov beim Balkan-Festival

Wien - Dieser Tage kann man wieder einmal ganz schön ins Grübeln geraten über Sinn und Widersinn musikalischer Marketingetiketten. Zu einem solchen hat sich in den letzten Jahren das bis dahin eher geopolitisch konnotierte Wörtchen "Balkan" entwickelt, vor allem, seit Emir Kusturica anno 1995 in Underground einige Roma-Blechblaskapellisten kinematografisch wirkungsvoll in Szene setzte - und so das Interesse der jedem Anflug von (scheinbarer) "Authentizität" nachjagenden westlichen Mediengesellschaft auf jene Region lenkte.

Angesichts des immensen Reichtums volksmusikalischer und davon inspirierter Phänomene ein sympathischer, aber auch problematischer Hype: Denn abgesehen vom immer noch partiell transportierten Klischee modernisierungsresistenter Ursprünglichkeit sehen sich auf diese Weise höchst unterschiedliche Musiken unter dieselbe begriffliche Käseglocke gestellt.

Obwohl diesem Raum so exzeptionelle Erscheinungen entstammen wie die im Rahmen des Wiener Balkanfestivals zu vernehmende Sängerin Ljiljana Buttler, eine Frau, deren Comeback zu den erstaunlichsten der letzten Jahre zählt: In den 60ern und 70ern ein Star der Belgrader Szene, war sie in den 80ern nach Deutschland übersiedelt, wo sie sich und ihre Kinder u. a. als Putzfrau, Pardon, Raumpflegerin durchbrachte. Ehe man sie vor fünf Jahren als "Mother of Gypsy Soul" "wiederentdeckte".

Völlig zu Recht. Denn anlässlich des Auftritts in der Sargfabrik beeindruckte die 61-Jährige mit ihrer leicht unterkühlt wirkenden und doch lebensschwangeren Altstimme, mit der sie melancholische Gänsehaut-Kantilenen über Menschen intonierte, denen Vater oder Mutter oder Geliebte/r und damit ihre Welt abhanden gekommen ist.

Die melismenreichen, von archaisch-dissonanten Reibungen geprägten Gesänge aus dem Pirin-Gebirge im bulgarisch-mazedonischen Grenzland, die Tag darauf ebenfalls in der Sargfabrik die Zwillingsschwestern Zdravka und Pirinka Hristovi vernehmen ließen, schallten dagegen wie von einem anderen Planeten herüber.

Und auch die halsbrecherischen Unisono-Linien von Akkordeon, Klarinette und Gadulka (Kniegeige), die der bulgarische Wahlwiener Martin Lubenov im Rahmen seines Ensembles "Orfej" am Mittwoch im Porgy & Bess choreografierte, schienen wiederum einer anderen musikalischen Himmelsrichtung zu entstammen.

Dichte, rhythmisch vertrackte Ensemblestrukturen alternierten hier mit hochvirtuosen, erfindungsreichen Solo-Improvisationen, in denen Bassist Vasilic Nenad am nachdrücklichsten individuelle Gedankengänge verfolgte; allein etwas eigenständigeres formales Profil hätte man "Orfej" gewünscht. Es ist zweifelsohne verdienstvoll und wichtig, dass ein "Balkan"-Festival all diesen Musiken ein Podium bietet. Das Fernziel muss indessen wohl lauten, eines Tages, an dem all jene bunten, gegensätzlichen, starken musikalischen Charaktere medial für sich selbst stehen, sich selbst überflüssig gemacht zu haben. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. 2005)

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Balkan Fever

Nächste Konzerte:

29. 4., Szene Wien: Kristi Stassinopoulou

30. 4., Porgy & Bess: Slavkovo Sevdah Sijelo

30. 4. Ost Deli Bar Klub: Stoyan Yankoulov & Elitsa Todorova
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