Leichte Beute im Gotteshaus

1. Mai 2005, 18:48
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Mehr als zwei Millionen Schaden richteten Kunstdiebe im Vorjahr an - selbst auf Friedhöfen lässt sich gute Beute machen

Wien – Selbst auf Friedhöfen lässt sich gute Beute machen, weiß Gregor Henckel-Donnersmarck, Abt des niederösterreichischen Stiftes Heiligenkreuz. Denn nicht nur die Gebeine von Mary Vetsera wurden 1991 vom örtlichen Gottesacker gestohlen, auch Kreuze und Statuen aus dem 19. Jahrhundert sind in den vergangenen Jahren schon verschwunden. Wie überhaupt kirchliche Einrichtungen bei Kriminellen beliebt sind: 110 der insgesamt 284 Fälle von Kunstdiebstahl ereigneten sich im Vorjahr in Kirchen und Kapellen.

Bei einer Enquete des Bundeskriminalamtes (BK) und des Kuratoriums Sicheres Österreich wurde am Donnerstag in Heiligenkreuz über die Problematik diskutiert. Unter anderem will das BK bis zum Herbst eine Broschüre mit Sicherheitstipps erarbeiten, die helfen soll, Diebstähle zu erschweren beziehungsweise die Beute leichter und schneller wiederzufinden.

Allein im Stephansdom 12.000 Stück

Teilweise haben die Kirchenverantwortlichen mit der Dokumentation wertvoller Objekte schon begonnen. Allein im Stephansdom sind es 12.000 Stück, im Bereich von Heiligenkreuz rund 4000. Sinnvoll sind die Beschreibungen allerdings nur, wenn ihr Verschwinden auch rechtzeitig bemerkt wird: "Wir bekamen einmal eine Meldung, dass zwei Engelsköpfe zwischen "1998 und Februar 2004" gestohlen wurden", berichtet Anita Gach, BK-Kunstexpertin.

Die Sicherung der Objekte ist überdies nicht so einfach wie etwa in Museen, gesteht Abt Henckel-Donnersmarck ein: "Wir können Kunstgegenstände nicht einfach wegsperren, da sie ja gleichzeitig auch Kultgegenstände sind." Auch das Versperren der Kirchen sei problematisch, weshalb mancherorts stattdessen auf Videoüberwachung gesetzt wird. Besonders wertvolle Stücke werden auch durch Kopien ersetzt.

Unterschiedliche Tätergruppen

Die Tätergruppen, die ein Auge auf Kirchengut geworfen haben, sind recht unterschiedlich, wie BK-Direktor Herwig Haidinger ausführt. Es gibt sowohl gut organisierte Auftragsdiebstähle als auch unprofessionelle Einzeltäter, die die Gelegenheit der "offenen Kirche" nützen, um "schnelles Geld" zu machen. Verkauft wird das Diebsgut dann sowohl über Flohmärkte als auch im Internet.

Im internationalen Vergleich liege man bei Kunstdiebstählen im "unteren Mittelfeld", betonte Haidinger. Während der Gesamtschaden in Österreich im Vorjahr‑ 2,4 Millionen Euro ausmachte, lag er in Belgien zehnmal höher. Die US-Bundespolizei FBI, die erst im März ein Spezialteam für Kunstdiebstähle eingesetzt hat, schätzt den weltweiten Schaden durch Kunstraub und -schmuggel auf umgerechnet mehr als sechs Milliarden Euro. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.04.2005)

Mehr als zwei Millionen Euro Schaden richteten Kunstdiebe im Vorjahr in Österreich an. In mehr als einem Drittel der Fälle wurden Bilder, Statuen und Leuchter aus Sakralbauten gestohlen. Mit einer Tagung und Hinweisbroschüren will die Exekutive nun gemeinsam mit der Geistlichkeit die Gotteshäuser sicherer machen.
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    Auch die 70.000 Euro teure Madnonna aus dem Münster im steirischen Neuberg wurede im Vorjahr zur Diebsbeute.

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