Postwurf VI - R. bekommt doch einen Briefkasten

1. Mai 2005, 19:25
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Plötzlich ging alles reibungslos, als ein Bekannter bei der Post-Pressestelle nachfragte...

Es war heute. Da ging plötzlich alles reibungslos. Aber vermutlich, sagt R. war alles, was vorher passiert war, eh nur ein Missverständnis. Denn heute war das, was die Hausverwaltung über drei Wochen nicht geschafft hat binnen vier Minuten erledigt. Mit einem Telefonat. Und einem Rückruf: R., schreibt R., bekommt doch einen Briefkasten.

Zugegeben: R. rief nicht – so wie die Hausverwaltung angeblich zuvor und mehrmals – beim Kundenservice und beim zuständigen Postamt an. Er wandte sich an einen Bekannten. Und der fragte dann bei der Post-Pressestelle nach. Er habe, erklärt R., deswegen aber kein schlechtes Gewissen: Schließlich werde durch diese Intervention kein anderer Kunde benachteiligt.

Nicht schneller

Aber der Anruf bei der Pressestelle, beteuerte jener Postdienstmitarbeiter, der R. dann ziemlich sofort zurück rief, habe sowieso nichts beschleunigt: Er bekäme natürlich einen Briefkasten. Und zwar schon am nächsten Tag ­ nicht erst Mitte 2006.

R. ist nämlich übersiedelt. Und fand, sehr zu seinem Erstaunen, heraus, dass es in seinem neuen Heim zwar Postfächer für alle Wohnungen mit niedrigerer und höherer Türnummer als seiner gibt , seine Wohnungsnummer (und eine andere) in der goldenen Kästchenreihe aber nicht aufscheinen. Der Briefträger deponierte alles, was an die fehlenden Kästchen adressiert ist, auf den Postkästen – aber auch wenn der Altpapiercontainer des Hauses nicht direkt darunter gestanden hätte, wäre R. auf Dauer mit dieser Regelung nicht glücklich geworden.

EU-Postkästen

Und „auf Dauer“, erklärte ihm die Hausverwaltung auf Nachfrage, könne länger dauern: Die Post rücke nämlich keine neuen Postkästen und -Schlüssel mehr heraus. Prinzipiell. Schließlich müssten die ja bald durch die neuen, EU-konformen Fächer ersetzt werden. Aber, so der Hausverwalter, er werde es noch einmal bei der Post versuchen.

Natürlich meldete sich der Verwalter nie wieder. Tage- und wochenlang. Als R. nachfragte, bedauerte er: Leider. Er könne nichts tun. Die Post sei stur. Aber die EU-Kasterln kämen eh schon in ein paar Monaten. Danach rief R. den Bekannten an.

Durchbrochene Arithmetik

Der Postler, der sich dann bei R. meldete, schreibt R., war ein bisserl gekränkt: Die Kasterlreihe im Haus sei ohnehin zu lang. Einige Postkästen stünden leer. R. da eines außerhalb der arithmetischen Reihe zuzuteilen, wäre gar kein Problem – man hätte es ihm halt sagen müssen. Und der Hausverwalter, schwor der Postler, habe sich nie gerührt. Jedenfalls nicht bei ihm, dem zuständigen Mann.

Es wäre, schreibt R., jetzt natürlich spannend, heraus zu bekommen, wer ihm da die Unwahrheit gesagt hat. Aber vermutlich, schreibt R., wird er sich mit der Unwissenheit abfinden – denn er habe keine Lust zwischen zwei Institutionen, denen er ausgeliefert ist, zerrieben zu werden.

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