Kaffeejause

4. Mai 2005, 20:56
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+++Pro & Contra---: Kaffee? Ja, zum Grappa. Kuchen? Ich nehme gerne auch zwei Stück - vor dem Kaffee

+++Pro
Von Markus Mittringer

Es ist doch so: Der Mensch lernt nur aus Katastrophen. Und: Wer nicht bis zu letzt lernt, der verliert. Und überheblich darf man auch nicht sein. Die Ausrede, zwecks Weiterbildung und Edelmenschwerdung auf die nächste Sintflut zu warten, ist schlichtweg inakzeptabel. Und also habe ich mir gedacht, ich baue mir aus vielen Kleinkatastrophen eine große, zimmere mir aus hunderten von Miniödnissen mein Überpurgatorium. Allein - und das fängt schon bein Zähneputzen an -, den Vorsatz zur regelmäßigen Reinigung und die konkrete Tat trennen Welten. Die Idee allein macht noch kein Strahler-80-Lächeln. Man muss schon wirklich Hand anlegen.

Jedoch der Mensch ist faul. Und also wurde ein Trick erfunden, ihm trotzdem eine ordentliche Halbwertszeit zu sichern: das Ritual. Einmal initiiert, gewinnen wir schnell Routine darin, den Schrecken gelassen hinzunehmen. Eingeschrieben in unser Fleisch und Blut geht uns das inständige Bewältigen-Müssen des unausweichlich Furchtbaren dann völlig automatisch von der Hand. Und so wurde ich zum fanatischen Führsprecher der sonntägliche Kaffeejause.

Ihr Schrecken führt zum Licht, sie dient der Wahrheitsfindung. Erfüllt von so viel Ödnis und Leere, gepeinigt von den Winden der Obersberge, dehydriert vom gemeinen Sandkucken und mitten ins Herz getroffen von Sturzbächen heimtückischen Filterkaffees, gehe ich allmontaglich geläutert, und gewiss, wieder ein Stück menschlich gewachsen zu sein, volle Liebe für meine nächsten in eine schöne neue Arbeitswoche.

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Contra---
Von Doris Priesching

Zum Frühstück? Seit Jahr und Tag ein Marmeladebrot, danach eines mit Honig. An Sonn- und Feiertagen gönne ich mir ab und zu ein weiches Ei oder schlage mit Leberpastete über die Stränge. Zu Mittag genieße ich an Werktagen für gewöhnlich Knäckebrot, Haselnüsse, Bananen, Äpfel und getrocknete Ananasecken - manchmal auch eine Semmel mit Kalbspariser, ich will ehrlich sein.

Zu trinken gibt es Fencheltee, wegen der "nervösen Daueranspannung", wie mein Arzt empfiehlt. Abends, wenn ich dann vom Fencheltee total entspannt bin, variiert das Angebot. Immer ist es jedoch ausreichend, und ich neige dazu, der üppigen Mahlzeit Gebranntes nachzureichen, was mir am nächsten Tag fallweise schlechtes Gewissen beschert. Dann hilft wieder Fencheltee.

Kaffeetrinken und Kuchenessen zu zelebrieren, dafür ist in meinem Leben kein Platz. Gleichwohl mir unvorstellbar ist, warum überhaupt in irgendjemandes Leben dafür Platz sein sollte. Man möge mir nicht kommen mit Bräuchen und Traditionen, Kindheitserinnerungen: Mit Schaudern denke ich an die Sonntagnachmittage bei irgendwelchen faden Tanten und Omas. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, mit einem Wort: Fußballwetter. Doch ich hockte (meistens plärrend und schmollend) im verhassten Kleidchen und aß Panamatorte. Nein danke, nie wieder.

Kaffee? Ja, zum Grappa. Kuchen? Ich nehme gerne auch zwei Stück - vor dem Kaffee. Aber nicht gemeinsam und schon gar nicht am Nachmittag. Nur "brunchen" ist noch schlimmer. Und Fencheltee.
(Der Standard/rondo/29/04/2005)

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