Deutung der Todesstunde

5. Mai 2005, 17:43
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Rundgang durch neue Versuche, sich dem Jazzwerk von Pianist Thelonious Monk und Saxophonist Charlie Parker anzunähern

Verschieden sind die Wege zur Inspiration, und dieser Mann hat zweifellos einen eigenen, wenngleich zu hinterfragenden gefunden: "Die Art, wie wir zu tiefen Gedanken gelangen, hat viel damit zu tun, was wir zuvor nicht denken. Ich habe nicht einmal ein Sandkorn, wenn ich beginne. Ein Solokonzert ist wie eine andere Welt mit eigenen Regeln, die nicht ich selbst aufgestellt habe". Keith Jarrett wird am 8. Mai sechzig Jahre alt, und seit 30 Jahren, seit er das so erfolgreiche wie zum Entsetzen seines Erschaffers als Hintergrundkulisse berühmt gewordene Köln Concert eingespielt hat, träum er den Traum, gleichsam als völlig von sich selbst und der Geschichte geleertes Medium die Bühne zu betreten, um im Augenblick des spontanen Schaffens, beim Solokonzert, in Regionen vorzudringen, die er noch nie betreten hat.

Ein sympathischer Anspruch. Wenn- gleich ein wenig utopisch. Denn was da mitunter unter Stöhnen und Leiden aus den Tasten herausgequält wurde, erfüllt die selbst formulierten Ansprüche selten. Es scheint, wer sich von der Musikgeschichte loslösen will, den holt sie umso stärker ein. Und er endet sehr oft bei der variierten Wiederholung von Bekanntem. Freilich kann man in Jarrett auch einen sympathischen Mann sehen, der immerhin versucht, auf den widersprüchlichen Zustand des Jazz der vergangenen Jahrzehnte mutig zu reagieren. Die Innovation als Anspruch ist zwar noch da, die harmonisch-melodischen Materialmöglichkeiten scheinen im Jazz jedoch erschöpft. Mit Wynton Marsalis ist sogar eine Art Originalklangbewegung entstanden, die sich nur noch damit begnügt, das Alte so "authentisch" wie möglich einfach nachzuerzählen. Der kommerzielle Gipfel dieser Entwicklung ist momentan Sängerin Madeleine Peyroux - sie klingt nun wirklich frappant nach Billie Holiday und findet nichts dabei.

Zwischen den Extremen Jarrett und Peyroux gibt es natürlich auch andere Wege, mit der Geschichte umzugehen. Man kann sich ihr auch stellen und versuchen, substanzvoll mit der eigenen Subjektivität das alte Material neu zu befragen. Freejazz-Veteran Alexander von Schlippenbach etwa hat sich auf drei CDs dem Gesamtwerk von Thelonious Monk (auf Intact) gestellt. Der genial-schrullige Monk (Bild) war ein vollkommen singulärer Komponist von - zu Zeiten des Bebop und danach - eigenständiger Handschrift. Das Unerwartete: Hier spürt man die Lust, die Nummern von Monk - manche unbekannte ist dabei - einfach vorzustellen. Ein Freejazzer hat es sich im Sofa der tonalen Tradition bequem gemacht, klingt solide und brav. Nicht ausschließlich. Hin und wieder kann freitonal zugelangt werden, "Round Midnight" ist jedenfalls kaum zu erkennen. Aber es ist schon eigenartig, dass man von dieser Seite her eine umfassende Aufnahme für Monk-Neulinge geschenkt bekommt. Feurige Neudeutungen wie bei "Straight No Chaser" und "Epistophy" sind jedenfalls in der Minderzahl.

Einen ähnlichen Zugang wählt auch Saxophonist Anthony Braxton. Seine Auseinandersetzung mit dem Werk des früh verglühten Bebop-Kometen Charlie Parker (bei hathut) hat mehr von einer Neubefragung des Repertoires - Braxton nutzt es als Kraftquelle und Reibebaum, lässt herzhafte Wildheit zu, wobei die Themen zumeist erhalten bleiben. Jedenfalls ist dies keine brave Nacherzählung, und druckvoll kommt sie auch daher.

Zurück zu Keith Jarretts Ansatz: Auf "Radiance" (bei ECM) sind zwei Japankonzerte dokumentiert, aus denen auch die Zuneigung zu klassischer Klaviermusik heraushören ist. Auch wenn das Ergebnis also im Widerspruch zu Jarretts Selbstanspruch steht: Das spontane, rhapsodische Klangwerk im Geiste von Rachmaninow und Skrjabin, das (auf der ersten CD) von liedhaften Momenten zu freitonaler Dunkelheit geht und bei der zweiten auch Jazzbezogenheit aufweist wie die typischen Improvisationen um ein rhythmisch prägnantes Riff, hat zweifellos Substanz und Schönheit. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, rondo/29/04/2005)

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