Pimp up my Computer!

9. Mai 2005, 11:15
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Ähnlich wie bei Boliden heißt es jetzt auch für Computer: Hüllen runter! Im Wettbewerb um das abgefahrenste Gehäuse bleibt kein Blech am anderen

Neonblaues Kaltlicht leuchtet geheimnisvoll aus lasergestanzten Öffnungen, Leuchtdioden zeichnen stroboskopartige Vexiermuster auf transparente Lüfterrotoren, Gehäuse strahlen in den unwahrscheinlichsten Sonderlackierungen.

Case Modding

Bei den "Case Moddern"-Enthusiasten, die ihre Computer optisch tunen - scheinen manchmal die Schrauben etwas locker zu sitzen. Denn ihre oft mit unerhörtem Aufwand umgebauten Rechner widersprechen scheinbar jeder Ratio. Sie sind der visuelle Gegenpart zu den Einheitskisten der Computerindustrie. Die ehemals kleine Fangemeinde ist inzwischen zu einer echten Bewegung angewachsen.

Computerspieler

Insbesondere in der Computerspielerszene ist es inzwischen ziemlich hip, mit gemoddeten, also optisch getunten Rechnern, an den Start zu gehen. Die großen Gamer-Partys sind die Hochämter der Case-Modder, hier kann man ihre Geräte bestaunen: von ästhetisch wirklich unglaublichen Entgleisungen bis zu feinsten, handgefertigten Aluminiumgehäusen ist alles möglich.

Post-Modelleisenbahn

Derartiges kann man leicht als pubertäres Treiben der Post-Modelleisenbahn-Ära abtun. Doch die Arbeiten der Case-Modder, ihr fröhlich respektloses Schrauben am Stand des Konsumguts Computer, hat durchaus subversive Sprengkraft. Nicht ohne Grund wird das Phänomen von den Großherstellern der Computerindustrie eher kritisch beobachtet. Denn die Fans mit dem Schraubenschlüssel in der Hand sind respektlose und vor allem sehr mündige Konsumenten: Sie interessieren sich nur für die objektive Funktionalität des Computers, nämlich die tatsächlich rechnende Hardware. Anstatt die Markenhüllen zu beachten, konstruieren sie sich neue Verkleidungen subjektiver Funktionalität - als Ausdruck der Individualität des Besitzers.

Tuning ist alt

Im Prinzip ist Tuning - also die Individualisierung von Serienprodukten - genauso alt und so allgegenwärtig wie die Serienprodukte selbst. Dieses bastelnde Bedürfnis nach dem Individuellen schlägt immer dort besonders zu, wo die Massenproduktion ihre größten Triumphe feiert: bei Autos, Motorrädern und neuerdings auch bei Computern.

Desktop tunen

Gerade klassische Arbeitsplatzrechner bieten eine ideale Basis für optische Modifikationen, denn als Serienprodukt sind sie ein Inbegriff der Uniformität. Die Ödnis dieser standardisierten Kisten kommt nicht von ungefähr. Da der funktionale Sinn dieser Geräte - das eigentliche Computing - grundsätzlich nicht darstellbar ist, sind die Gehäuse dieser Geräte einfach nur semiotische Hüllen, die bestenfalls Markenidentität vermitteln. Ihre Gestaltung hat mehr mit Verpackungsdesign als mit Produktdesign zu tun. Selbst die preisgekrönten Designs der Apple-Desktops können schlussendlich nicht mehr, als den Markennamen ihres Herstellers zu kommunizieren.

Apple Mini

Der neue Apple Mini könnte auch eine Parfümkiste sein, denn die technologische Struktur oder gar seine eigentliche Funktion sind prinzipiell nicht ablesbar. So hat der britische Designtheoretiker Anthony Dunne schon vor Jahren festgestellt, dass Standardcomputer einen ganz eigenartigen Platz in der Produktwelt einnehmen: Sie sind mit Waschmittelverpackungen näher verwandt als mit einem strukturell designten Objekt, zum Beispiel einer Vase oder einem Möbel. Nach Dunnes Theorie ist somit jede Bierkiste gestalterisch interessanter als ein Computer.

Beliebigkeit

Diese grundsätzliche Beliebigkeit jedes Computergehäuses kommt den Case-Moddern gerade recht. Denn was keine zwingende Funktion hat, bietet wunderbar viel Platz für neue Bedeutungen. Und so wird munter losgeschraubt. In eigenen Internetforen und am Rande der großen Computerspiele-Events werden Wettbewerbe um die abgefahrensten Gehäuse veranstaltet.

Schönheit

Schönheit im akademischen Sinne ist dabei eine eher sekundäre Kategorie, hier feiert der visuelle Wahnsinn fröhliche Feste: Erlaubt ist alles, was möglichst weit vom Aussehen der Seriengeräte entfernt ist. Das Spektrum der Ideen scheint unermesslich, und Stilrichtungen sind noch nicht katalogisiert: So findet man naive Airbrushdarstellungen halb nackter Weiblichkeit - bisher nur bekannt von besonders vorgestrigen Motorhauben - ebenso wie Rechner mit Bullaugen und Analoganzeigen im Retrochic. Da gibt es finster dreinblickende Doppelprozessor-Computer-Aliens neben der Transformation eines Blade-Servers in eine Aktentasche. Rechnende Kofferradios wurden ebenso gesichtet wie liebevoll beleuchtete Acryl-Aquarien mit Wasserkühlung. Natürlich wird auch das gesamte Universum der Computerspiele-Charaktere realisiert: Da starrt Darth Vader starr vom Lüftungsgitter, und sinistre Monster werden ebenso wie Benjamin Blümchen ins Blech gefräst.

Ernst nehmen

Diese spielerischen Bastelarbeiten sind durchaus ernst zu nehmen, denn sie hinterfragen die Produktrealität der Computer nachhaltig. Seriengeräte werden aufgrund von Markt und Logik entwickelt. Industriedesigner haben allein schon aufgrund der Auftragsverhältnisse nur eingeschränkte Möglichkeiten, ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen. Gerade bei Computern reduziert sie sich auf die Entwicklung einer Markenhülle.

Wunsch und Imagination

Case-Modder hingegen treibt vor allem Wunsch und Imagination. Ihre scheinbar zweckfreien Arbeiten schaffen sich ihre eigene, hermetische Rationalität. Zwar ist kaum anzunehmen, dass ernsthafte technologische Neuerungen in den Bastlergaragen entstehen. Doch mit einer Energie und Unmittelbarkeit, bei der die Think-Tanks der Industrie neidisch werden könnten, probieren Case Modder im Grunde ständig neue konzeptuelle Modelle unseres Umgangs mit dem Computer. So wird spielend der Stand der Zukunft verhandelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass nicht die Ökonomie, sondern der Spaß den wesentlichen Motor neuer Ideen bildet.(Peter Döllmann/DER STANDARD, Album)

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    foto: alienware
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