Nora fährt am Fließband Karussell

28. April 2005, 14:23
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Jelineks Ibsen-Paraphrase zurück in Graz: "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder: Die Stützen der Gesellschaft"

Graz - Ein heller Raum mit zwei kalten Metalltreppen, die in die Chefetage führen, ein Fließband auf dem die Arbeiterinnen selbst als Billigware transportiert werden, und um alles herum eine bunte Tapete, auf der Frauen beim Verrichten "niedriger Arbeiten" gezeigt werden. Frauen, die das machen, was man bei Männern landläufig "arbeiten gehen" nennt, dafür aber weniger Geld bekommen.

Eine will sich dabei sogar selbst verwirklichen. Nora, die hundert Jahre, nachdem Ibsen sie gebar, von Elfriede Jelinek 1979 sozusagen zu "Nora, Teil zwei" gemacht wurde. "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verließ, oder: Die Stützen der Gesellschaft" wurde vor 26 Jahren am Grazer Schauspielhaus uraufgeführt und kehrt nun in einer Inszenierung von Elisabeth Gabriel zurück. Diese hat der Geschichte einer Frau, die den patriarchalen Gatten verlässt, um sich einem kapitalistisch patriarchalen Arbeitssystem unterzuordnen, weniger hinzuzufügen als das Bühnenbild von Vinzenz Gertler.

Martina Stilp spielt eine Nora, die sich als Fremdkörper unter ihren Kolleginnen in der Fabrik vergeblich bemüht, "vom Objekt zum Subjekt zu werden". Ob als für den Chef wie eine BDM-Turnerin tanzende Salome oder als halbherzige Kampf-Emanze - immer wieder stellen etwas zu sehr strahlende Kinderaugen die Frage, ob diese Nora in Graz einen Dunst davon hat, wohin sie will.

Hat sie nicht. Und weil ihre Arbeitskraft weniger begehrt wird als ihr Körper, macht sie dem nächsten Mann die Untertanin: ihrem Konzernchef (ein mit kaltschnäuzigem Understatement amüsierender Ernst Prassl), der sie als Domina-Animiermädchen gar dem eigenen Ex-Gatten (Stefan Maaß) verkauft.

Marxistisches Solo

Eine mit Zöpfen und Lidschatten als Jelinek kostümierte Arbeiterin (Ninja Reichert) singt die marxistischen Soli im Chor der Werktätigen - leider so blutlos, dass sie der Konzernchef dafür engagiert haben könnte. Eine Referenz an die Distanziertheit, die heute zwischen der Autorin und dem Stück liegt? Wenn ja, dann eine verzichtbare.

Schön ist dafür die finale Szene: Nora landet mit ihrem Wiederangetrauten abermals als Puppenheimchen am Herd, und Stilp und Maaß, der auf den Tisch haut, dass die Pressspanwände wackeln, exerzieren auf höchst witzige Weise die Beengtheit ihrer Hundehütte namens Ehe vor. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.04.2005)

Von
Colette M. Schmidt
  • Artikelbild
    foto: schauspielhaus graz/peter manninger
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