"Alles geht immer schief"

27. April 2005, 19:22
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Mit Robert Stone ist ein bei uns noch zu entdeckender großer Autor in Wien zu Gast - Der Schriftsteller im STANDARD-Interview

Seine von einer düsteren Weltsicht geprägten Romane wie "Dog Soldiers" zählen zum Besten, was die US-Literatur zu bieten hat. Mit Robert Stone sprach Sebastian Fasthuber.


Wien - In Robert Stones Schulverweis steht, er wurde suspendiert wegen "militant atheistischen Verhaltens und zu viel Bier". Der 1937 in New York geborene und nun nach langen Jahren der Wanderschaft seit einiger Zeit auch wieder dort lebende Autor entstammt einer Künstlergeneration, die jegliche Autoritäten ablehnte und ein von diesen unabhängiges Leben versuchte. In den frühen Sechzigerjahren trieb sich Stone viel mit den fahrenden Beatniks herum, seine großen Romane wie Dog Soldiers (Unter Teufeln, 1974) über die Vietnam-USA-Drogenconnection entstanden später. Es sind psychologisch komplexe, von schwarzem Humor durchsetzte Texte, in denen der Autor mit seinem Pessimismus nicht hinter dem Berg hält.

In diesen Tagen nimmt er am Vienna Writers' Festival im RadioKulturhaus teil, wo er am Freitag um 21 Uhr aus seinen Werken lesen wird.

STANDARD: Mr Stone, Sie bedürfen hier zu Lande einer Vorstellung. Ihr Freund Ken Kesey, der Autor von "Einer flog über das Kuckucksnest", hat Sie einmal einen "professionellen Paranoiker" genannt.

Stone: Eine Übertreibung. Ken war immer sehr bemüht, aus seinen Freunden schillernde Persönlichkeiten zu machen. Aber ich kann es erklären. Wir beide hatten zwischen Kalifornien und Mexiko einige ziemlich verrückte Erlebnisse. Und ich war wohl immer der eher ängstliche Typ, der sagte: ,Das können wir nicht machen, dafür können wir im Gefängnis landen.' So kam ich zu meiner Rolle.

STANDARD: In den USA sind Sie bei Publikum und Kritik gleichermaßen beliebt, warum ist Ihnen anderswo Erfolg bislang versagt geblieben?

Stone: Ich glaube, es liegt daran, dass meine Texte sehr schwer zu übersetzen sind. Ich mische sozusagen die hohen und tiefen Töne, schulmeisterliche Ausdrücke mit Slangwörtern der Kriminellen und der Drogenszene.

STANDARD: Apropos Drogenszene. Sie hingen mit Beatautoren wie Jack Kerouac, Neal Cassidy oder eben Kesey ab und fuhren mit dessen sagenumwobener Gruppe "Merry Pranksters" ("Fröhliche Schlingel") durch die USA.

Stone: Ja, wir sind mit diesem Bus herumgefahren und haben die Leute unglücklich gemacht. Wir waren aber keine Vandalen, das wurde oft missverstanden. Es ging uns darum, die Menschen von ihren eingefahrenen Gedanken wegzubringen. Wir fühlten uns damals, als könnten wir die Welt neu erschaffen. Zur selben Zeit entstand in Kalifornien die Mikrochip-Industrie, was total an uns vorbeiging. Als man anfing, von der technologischen Revolution zu reden, dachten wir erst, man meint uns damit. (lacht) STANDARD: Warum haben Sie nie über die Zeit geschrieben?

Stone: Ich habe kaum jemals über reale Begebenheiten geschrieben. Besonders schwer tue ich mir damit, über mich selbst zu schreiben. Aber momentan sitze ich an meinen Memoiren, da wird es auch sehr stark um diese Zeit gehen.

STANDARD: In den Sechzigern experimentierten Sie mit Drogen, in Ihrem 1974 erschienenen Roman "Dog Soldiers" werden diese bereits als zerstörerische Kraft gezeichnet. Was war falsch gelaufen?

Stone: Als professioneller Paranoiker bin ich geneigt zu sagen: Alles geht immer schief. Besonders in extremen Dingen ist auch die Möglichkeit angelegt, dass sie umkippen. Man dachte erst, LSD sei vielleicht wertvoll in der Behandlung von Schizophrenen. Hätte es wohl auch sein können. Aber gleichzeitig begannen die Geheimdienste es als eine Droge einzusetzen, mit der man Kontrolle über das Gehirn eines Menschen erlangen konnte. Bittere Ironie.

STANDARD: Dass Vietnam-Kämpfer Heroin in die USA brachten, wirkt in Ihrem Roman wie eine Vergeltung für die Kriegsverbrechen.

Stone: Ich glaube, im Herzen bin ich wohl ein Moralist, obwohl mir der Ausdruck nicht sehr sympathisch ist. Moralisieren im Sinne von Belehren liegt mir überhaupt nicht, ich sehe mich eher als Autor, der den Menschen die Ironien des Lebens vorführt.

STANDARD: Sie waren selbst in Vietnam.

Stone: Ja, damals war man daran interessiert, direkt zu erfahren, was an der Sache denn real war und was Propaganda. Also habe ich mir, ich lebte damals in London, einen Job bei einem Magazin verschafft, das mich rübergeschickt hat. Nur für vier Wochen, aber das hat gereicht. Ich war übrigens eben erst wieder dort - und ich schwöre: Die Lichter in Saigon sind heute vielleicht ein wenig heller, aber ansonsten geht es den Leuten fast noch dreckiger. Es gibt einen Satz in der Glasmenagerie von Tennessee Williams, der frei zitiert lautet: Die Dinge finden immer einen Weg, zu keinem guten Ende zu gelangen. Damit kann ich mich als Autor identifizieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.04.2005)

Zur Person

Robert Stone, wie auch Thomas Pynchon Jahrgang 1937, wuchs als Sohn einer allein erziehenden Mutter, die unter schizophrenen Schüben litt, in Waisenhäusern und christlichen Internaten auf. Dass er in vierzig Jahren lediglich sieben, dafür hochdekorierte, u.a. mit dem National Book Award ausgezeichnete Romane zu Papier gebracht hat (zuletzt erschienen auf Deutsch „Das Jerusalem-Syndrom“ und „Die Professorin“), entschuldigt Stone mit zwei schwer vereinbaren Charakterzügen: „Perfektionismus und Faulheit.“ (fasth)
  • US-Autor Robert Stone: "Tennessee Williams sagt: ,Die Dinge finden immer einen Weg, zu keinem guten Ende zu gelangen.' Damit kann ich mich als Autor identifizieren."
    foto: standard/urban

    US-Autor Robert Stone: "Tennessee Williams sagt: ,Die Dinge finden immer einen Weg, zu keinem guten Ende zu gelangen.' Damit kann ich mich als Autor identifizieren."

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