Putins Nahostpolitik

9. Mai 2005, 18:58
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Die Zeiten, in denen Moskau simpel proarabisch und antiisraelisch war, sind längst vorbei - von Gudrun Harrer

Wieder einmal wird das Wörtchen "historisch" bemüht, und das ist es ja wohl auch, wenn ein - wenngleich russischer und nicht mehr sowjetischer - Staatschef nach Israel reist. Wladimir Putin nimmt aber auf seiner Nahostreise auch Ägypten und die Palästinensergebiete mit, und er schlägt eine Friedenskonferenz vor. Die Botschaft ist klar: Man will zurück auf die Bühne, auf der man im Kalten Krieg als Protagonist gespielt hat und auf der man sich danach mit Nebenrollen begnügen musste.

In Israel wird Premier Ariel Sharon höflich nicken, wenn Putin seine Roadmap-Konferenz propagiert, und ihm antworten, dass das Stadium der Roadmap-Umsetzung noch nicht erreicht sei. Putin wird sich seinerseits Vorwürfe anhören müssen, dass Russland den Iran mit Atomreaktoren und Syrien mit Flugabwehrraketen versorgt, von denen er unlängst lapidar gesagt hat, dass sie es "schwer machen, im Tiefflug über den Präsidentenpalast" zu fliegen - offensichtlich tun dies israelische Fluggeräte ab und zu in Damaskus.

Russland hat also seine eigenständige, oft wider den US-Stachel löckende Politik im Nahen Osten nicht aufgegeben, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeiten, in denen Moskau simpel proarabisch und antiisraelisch war, längst vorbei sind. Das Thema, in dem sich Putin und Sharon primär treffen, ist der Terrorismus. Yassir Arafat wurde von Putin, der dafür von Sharon als "echter Freund Israels" bezeichnet wurde, verschiedentlich abgemahnt.

Die Parallelen, die Putin zwischen dem Palästinenser- und dem Tschetschenienkonflikt zieht - und beide Konflikte haben in der Tat mehr gemeinsam als das israelische und das russische Problem mit dem amerikanischen -, haben die alte propalästinensische Position aufgeweicht. Dazu kommt, dass inzwischen fast ein Fünftel der israelischen Bevölkerung russische Emigranten sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2005)

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