Achtsam bleiben von Beginn an

9. Mai 2005, 18:58
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Kanzler Schüssel fordert in Festtagsreden, was er im politischen Alltag vermeidet - von Samo Kobenter

Im Feiern und Gedenken sind wir alle gut, niemand macht uns da etwas vor: Wir wissen, wie man ein Fest begeht, einen Geburtstag, eine Hochzeit ebenso wie eine schöne Leich’. Privat oder öffentlich, im Guten wie im Bösen: 1945 und 1955 ebenso wie 1938, das allzu leicht vergessen wird. Auch ein großes Fest, auch eine schöne Feier am Heldenplatz, so viele Leute, viel mehr als 1955 beim Belvedere, wie Helmut Qualtinger später unter lautstarker Empörung seiner Landsleute penibel-sarkastisch vermerkte: Aber der Platz vor dem Belvedere ist ja auch kleiner als der Heldenplatz.

Auch schon vergeben und verziehen, Qualtinger ist längst aufgenommen in die ewige österreichische Feiergemeinde, bei Bedarf wird er herbeizitiert, im Himmel oder anderswo kann er sich dagegen ja nicht wehren, Thomas Bernhard geht es auch nicht besser.

60 Jahre Zweite Republik. Es war alles so schön vorbereitet, und dann verhageln einem zwei Bundesräte das Fest. Oder, wie Qualtinger gesagt hätte: Kaum ist Gras über die Sache gewachsen, kommt ein Kamel daher und frisst es wieder ab. Da kann man schon ein bisserl verzweifeln.

Trotzdem blieb natürlich die Feier, es wurde viel und schön und richtig gesprochen, auch das können wir alle gut: Unsere Zuhörer rühren und uns rühren lassen. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sagte, in unserer "Institutionenlandschaft" sei kein Platz für Leute, die die Existenz von Gaskammern leugnen. Er sagte keinen Namen dazu, wozu auch, jeder wusste ohnehin, wer gemeint war. Dann zitierte Schüssel den Bildhauer Fritz Wotruba - auch einer, der sich dagegen nicht mehr wehren kann - und sagte: "Bleiben wir achtsam von Beginn an."

Ein gutes Wort, und richtig. John Gudenus, den der Bundeskanzler gemeint hat, wurde im Jahr 2001 zum Bundesrat gewählt. Er wurde mit den Stimmen seiner FPÖ und der ÖVP im Wiener Landtag gewählt. Grüne und SPÖ-Abgeordnete protestierten damals schon wütend gegen die Wahl, kannten sie doch ihren Kunden noch von vorherigen Auftritten. Sie mussten nicht einmal achtsam von Beginn an bleiben, wie es der Kanzler jetzt fordert, so lange lag das Jahr 1995 noch nicht zurück.

Damals musste Gudenus sein Nationalratsmandat zurücklegen, weil er die Existenz von Gaskammern in den Konzentrationslagern der Nazis auf plump-affirmative Tour abgestritten hatte: Er glaube alles, was dogmatisch vorgeschrieben sei, meinte Gudenus und bog so ein historisches Faktum zu einer harmlosen Glaubensfrage um. Das war der erste Fall Gudenus.

Im zweiten Fall Gudenus zeigte sich Schüssels Parteifreund Reinhold Lopatka achtsam von Beginn an: Denn kaum machte das böse Wort des blauen Bundesrates die Runde, fand Lopatka es auch schon "unerträglich" und forderte seinen Rücktritt.

Als Siegfried Kampl Deserteure "Kameradenmörder" nannte und die Verfolgung von Nazis nach 1945 beklagte, verschliefen Schüssel und Lopatka und alle anderen Spitzenfunktionäre der ÖVP ihre Achtsamkeit von Beginn an und schwiegen. Schwiegen, weil es nicht opportun gewesen wäre, den ins Eck gedrängten umgefärbten Koalitionspartner mit dem Tritt aus der Koalition zu befördern, den solche Ansagen in einer "Institutionenlandschaft" verdienen, die ihre Feiertagsansprachen ernst nimmt. Aber das tun wir nicht, wir unterscheiden lieber: Eines ist das Fest - achtsame Rührung -, das andere der Tag danach - ungerührte Unachtsamkeit.

Nur Narren fordern vom anderen, was der nicht hat. Also muss niemand närrisch sein und Anstand fordern, wo keiner ist: etwa den Rücktritt von Kampl und Gundenus als Bundesräte, nicht als FPÖ- oder BZÖ-Mitglieder. Was sie in diesen Marginalverbänden tun und lassen, ist ihre Sache. Aber in der "Institutionenlandschaft" sind sie untragbar, da hat der Kanzler, der achtsame, schon Recht. Übrigens, Musik wurde auch gespielt bei der Feier in der Hofburg, Mozart, Webern, Krenek. Und zwar wirklich gut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2005)

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