Der verdrängte Völkermord

9. Mai 2005, 18:58
57 Postings

Ohne Auseinandersetzung kann die Türkei kaum den Weg einer glaubwürdigen Europäisierung einschlagen - Kolumne von Paul Lendvai

Warum ist 90 Jahre danach der Völkermord an den Armeniern in den Mittelpunkt der internationalen Presse und indirekt der türkischen Innenpolitik gerückt? Was geschah damals in Anatolien? Ultranationalistische Jungtürken verdächtigten die seit Jahrtausenden angesiedelte christliche Minderheit der Illoyalität während des Ersten Weltkrieges. Sie wollten ein ethnisch reines osmanisches Großreich schaffen. Die Armenier wurden ab April 1915 verhaftet, vertrieben und durch Zwangsumsiedlung auf Todesmärschen in den fast sicheren Tod geführt. Sie fielen zum Teil Massenhinrichtungen zum Opfer, zum Teil gingen sie ohne Wasser unter freiem Himmel zugrunde. Frauen wurden massenhaft vergewaltigt, Kinder verkauft und alle ausgeraubt.

Der durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und Zeugenaussagen bestätigte Genozid forderte laut dem Völkerbundkommissar Nansen rund eineinhalb Millionen Opfer. Der erste Genozid im 20. Jahrhundert wurde und wird aber von der offiziellen Türkei verdrängt und kleingeredet.

In Zusammenhang mit den EU-Beitrittswünschen der Türkei haben kritische Beobachter aber auch die bisher tabuisierte Frage des verschwiegenen Völkermordes aufs Tapet gebracht.

Vor allem war es der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, der dieses jahrzehntelang in seiner Heimat praktizierte Verschweigen in einem Interview öffentlich anprangerte – und dafür prompt innerhalb von Stunden zur Zielscheibe einer wüsten Kampagne wurde. Ein türkischer Vizepräfekt forderte die Bestrafung des Schriftstellers und die Vernichtung seiner Bücher.

Dass aber nun zweihundert Intellektuelle zum ersten Mal gegen Nationalismus und Rassismus öffentlich Stellung genommen haben, zeigt, dass die türkischen Demokraten sich der schicksalhaften Entscheidung zwischen Europa und dem Nationalismus bewusst sind. In Armenien leben 3,2 Millionen Menschen, die Diaspora umfasst drei Millionen. Ihr politisches und arithmetisches Gewicht kann mit dem der Türkei, einem Land mit 70 Millionen Einwohnern, nicht verglichen werden. Durch die Eingliederung Armeniens in die Sowjetunion einerseits und die Allianz des Westens mit der Türkei andererseits wurde die ganze Frage des Genozids in den Worten des armenischen Staatspräsidenten Kotscharjan zu einem "vorübergehenden Opfer des Kalten Krieges".

Ob und wie weit die Türkei den Kriterien der Europäischen Union entspricht, werden die bevorstehenden Verhandlungen zeigen. Die letzten Beschlüsse der EU-Gremien enthielten keinen Hinweis auf den Genozid. Doch wäre es falsch, die Wirkung der Aufrufe der zweihundert Intellektuellen und des weltweit angesehenen Autors Pamuk (den die Massenzeitung Hürryet eine "miserable Kreatur" nannte) zu unterschätzen.

Die Tatsache, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein französischer Staatspräsident bei dem Armenien-Monument in Paris zusammen mit dem auf Besuch weilenden armenischen Staatschef Kotscharjan einen Kranz niedergelegt hat, war eine symbolträchtige Handlung.

Ohne eine Auseinandersetzung mit ihrer geschichtlichen Vergangenheit kann die Türkei kaum den Weg einer glaubwürdigen Europäisierung einschlagen. Zwischen den auf ihre Machtstellung pochenden Armeeführern und den extremen islamischen Fundamentalisten versucht die Erdogan-Regierung einen vorsichtigen Wandel im Land einzuleiten.

Es wäre ungerecht, die Fortschritte in der Politik und Wirtschaft abzustreiten, doch ist die Sorge der erwähnten zweihundert Intellektuellen vor den Provokationen extremer Nationalisten mehr als berechtigt. (DER STANDARD, Print, 28.4.2005)

Share if you care.