Heinz Fischer: "Man muss wissen, wofür man sich schämen muss"

15. Mai 2005, 11:03
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Bundespräsident: Wer Zweifel an der Existenz von Gaskammern habe, möge nach Auschwitz fahren

Wer Zweifel an der Existenz von Gaskammern habe, möge nach Auschwitz fahren: Dort könne er mehr Klarheit bekommen, als erträglich sei, empfahl Bundespräsident Heinz Fischer bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Republik.

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Wien – Für die jungen Teilnehmer an der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Gründung der Zweiten Republik war nicht etwa der Kanzler oder der Bundespräsident der Star der Veranstaltung. Wahrscheinlich war es auch nicht die gefeierte Republik. Die Teenies drängten sich vor dem Festakt vor allem um einen Herren im Kardinalspurpur: Christoph Schönborn konnte sich der Autogrammwünsche kaum erwehren.

In den offiziellen Ansprachen grenzten sich sowohl Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als auch Bundespräsident Heinz Fischer deutlich von des Aussagen der Bundesräte Siegfried Kampl und John Gudenus ab, ohne einen der beiden namentlich zu nennen. "Wenn es Zweifel geben sollte an der Existenz von Gaskammern, kann ich nur raten, nach Mauthausen zu fahren oder nach Auschwitz zu fahren. Dann hat man mehr Klarheit, als man eigentlich ertragen kann", sagte Fischer in Abweichung von seinem vorgefassten Redetext.

Und, ebenfalls deutlich adressiert: Er, Fischer, halte historische Debatten unter Politikern nicht nur für möglich, sondern für "wichtig und notwendig". Menschen, die in der Gegenwart politische Verantwortung tragen, müssten auch über die Vergangenheit Bescheid wissen, betonte Fischer: "Man muss wissen, worauf man stolz sein kann und wofür man sich schämen muss."

Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider, der ja empfohlen hatte, Politiker mögen sich aus historischen Debatten heraushalten, war unter den Festgästen.

Auch Schüssels Distanzierung fiel unmissverständlich aus: "Wer die Existenz von Gaskammern relativiert, der passt einfach nicht in unsere Institutionenlandschaft", meinte der Kanzler, dem dabei die Stimme versagte. "Wann, wenn nicht jetzt, sollte man zur Besinnung kommen." Schüssel schloss mit einem Zitat des Bildhauers Fritz Wotruba aus dem Jahr 1945: "Bleiben wir achtsam von Beginn an." Das Publikum dankte ihm und Fischer mit langem, anhaltendem Applaus.

Besinnliche Töne also bei einer Veranstaltung, die im glänzenden Rahmen des Redoutensaales der Hofburg eigentlich als Jubelfest angelegt war. Doch die Aussagen von Kampl und Gudenus hatten schon im Vorfeld die Stimmung getrübt und die ohnehin nicht einfache Balance zwischen der Scham, die Fischer einforderte, und dem Stolz, dem man sich so gerne hingeben wollte, noch schwieriger gemacht.

Fischer erinnerte, dass am 27. April 1945 die Entscheidung für eine demokratische Zukunft Österreichs getroffen worden sei: "Es wurden die Weichen gestellt im Sinne der Eigenstaatlichkeit Österreichs, aus der sich im Laufe der Zeit ein erfreuliches Österreich-Bewusstsein entwickelte – ohne Chauvinismus, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplexe.

Sie wurden gestellt im Sinne eines demokratischen Pluralismus und einer Absage an totalitäre Strukturen, was Österreich nicht nur gegenüber der Ideologie des NS-Staates, sondern auch gegenüber dem System des Kommunismus weit gehend immun machte."

Schüssel betonte die Leistungen der Aufbaugeneration, der vor allem Dank gebühre. Stellvertretend durften ihn rund 60 Geburtstagskinder entgegennehmen, die am 27. April 1945 zur Welt gekommen und nun zum Festakt in die Hofburg eingeladen waren. Erfrischend und rührend die Impressionen der Kammerschauspielerin Judith Holzmeister, die sich einfach freute, in einer Demokratie zu leben. (Samo Kobenter/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.4.2005)

  • Präsident Heinz Fischer und Kanzler Wolfgang Schüssel mit ihren Frauen Margit und Christa in der Hofburg.
    foto: cremer

    Präsident Heinz Fischer und Kanzler Wolfgang Schüssel mit ihren Frauen Margit und Christa in der Hofburg.

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