Vom Nutzen geklärter Mordfälle

1. Mai 2005, 18:46
18 Postings

Kriminalpsychologe Thomas Müller über kaputte Kommunikation und Gewaltbereitschaft am Arbeitsplatz - ein Gespräch

Der Kriminalpsychologe Thomas Müller macht nicht nur als Bestsellerautor Furore: Zunehmend beschäftigt er sich auch mit Fragen nach kaputter Kommunikation und Gewaltbereitschaft am Arbeitsplatz.

***

Wien – "Alle Wissenschaft gründet in der Beobachtung von Abweichungen beziehungsweise einen Schritt zuvor in der Fähigkeit, ein Phänomen überhaupt als Abweichung zu identifizieren", meint der deutsche Soziologe Dirk Baecker.

Weg vom Ruch des Sensationellen

Es ist vielleicht ganz produktiv, die Tätigkeit des Kriminalpsychologen Thomas Müller unter diesem Aspekt genauer zu beleuchten und damit gleichzeitig vom Ruch des Sensationellen wegzuführen. Müller, der einstige Streifenpolizist aus Innsbruck, der bei FBI-Größen wie Robert Ressler in die kriminalpsychologische Schule ging und an der Ermittlung des Briefbombers Franz Fuchs oder des mutmaßlichen Serienmörders Jack Unterweger wesentlich beteiligt war – er ist, sei es nun in Tatortanalysen oder Täterprofilen, permanent mit "Abweichungen" konfrontiert.

Verdeckten Machtfantasien

Diese Abweichungen, die nicht zuletzt auch von Bedürfnissen erzählen, von mehr oder weniger verdeckten Machtfantasien – sie interessieren nun offenbar zunehmend auch Wirtschafts- und Arbeitsforscher: Müllers Bestseller Bestie Mensch, von dem bis dato satte 65.000 Exemplare verkauft wurden, erschien nicht zuletzt deshalb beim Wirtschaftsverlag Ecowin: Man hatte den Kriminalpsychologen gefragt, ob er nicht einmal Manager mit seinen Analysemethoden konfrontieren wolle – und da kommt man schnell weg von den Schilderungen illustrer Täter und Investigationen, zu denen Müller bis dato verurteilt schien.

Kommunikationswissenschaft

"Wenn ich heute noch einmal anfangen könnte, würde ich mich vermutlich mit Kommunikationswissenschaft befassen", sagt er im Gespräch und betont gleichzeitig die dialogischen Probleme rund um eine "ganz junge Wissenschaft" wie die Kriminalpsychologie, die zunehmend komplexen Problemstellungen unter erhöhtem medialem und zeitlichem Druck gerecht werden und sich zugleich weiterentwickeln soll – vor prekärem Hintergrund: "Die Menschen haben es heute verlernt, in einer vernünftigen Weise zu kommunizieren." – Und dabei wären gerade im heutigen Informationsüberangebot kluge Selektion einerseits und interdisziplinäre Zusammenarbeit in Augenhöhe – nicht nur im wissenschaftlichen Bereich – nötiger denn je.

"Workplace-Violence"

Siehe etwa konkrete Arbeitswelten: "Wir werden", sagt Thomas Müller, "in den nächsten zehn Jahren mit einem Phänomen konfrontiert werden, das da heißt Work^place-Violence – gewalttätige Handlungen am Arbeitplatz. Ich war kürzlich ganz konkret mit einem Fall konfrontiert, da ging es um ein Bedrohungsszenario von sechs Millionen Euro – nicht weil eine Bombe eingeschlagen hatte, sondern weil ein Mitarbeiter unzufrieden war. Vor siebzig, achtzig Jahren hat so jemand, wenn er mit Kollegen oder Vorgesetzten Probleme hatte, den Arbeitsplatz gewechselt. Heute geht das nicht mehr. Die Leute müssen alles akzeptieren, nur damit sie ihren Arbeitsplatz behalten – bis einer sagt: So, ich kann nicht mehr."

Gewalttätige Handlungen am Arbeitsplatz

Hier müsse, erklärt Müller, "nicht zuletzt eine Verbesserung der Kommunikation einsetzen". Er habe "gerade in den letzten Jahren immer wieder mit Menschen gesprochen, die schwerst gewalttätige Handlungen am Arbeitsplatz begangen haben: Nötigung, Erpressung, Mobbing, anonyme Schreiben, bis hin zu Tötungsdelikten. Im Vorjahr hat in der Schweiz ein Bankdirektor drei seiner Kollegen erschossen. Und wenn man da nachfragt, erhält man oft die Antwort: Wenn doch in diesem Abstieg nur ein Einziger gesagt hätte: Kann ich irgendwie helfen?"

Wie ein Mensch Entscheidungen trifft

Es gilt aber, betont der Psychologe immer wieder: "Wesentlich ist weniger, was ein Mensch sagt als das, was er tut. Wenn Sie zum Beispiel als Personalchef Lebensläufe und Selbstbeschreibungen studieren – das kann alles gelogen sein. Wichtig ist zu beobachten, ob und wie ein Mensch Entscheidungen trifft: Zeigen Sie mir seinen Arbeitsplatz, sein Auto, die Art, wie er als Familienmensch Bilder von Frau und Kind hinter sich an die Wand nagelt, während am Schreibtisch Fotos von Bier trinkenden Kollegen in irgendeiner Strandbar in Kuala Lumpur stehen ..."

Beruflichen Probleme werden in die Familie getragen

Ob die Verfeinerung solcher Beobachtungen nicht erst recht die Paranoia der Beobachteten schürt? Thomas Müller sieht es pragmatisch: "Stellen Sie diese Frage den Witwen und Waisen der drei toten Bankdirektoren." Und natürlich könne es nicht um Erhöhung der Druckmittel gehen, sondern schlicht um eine Option: "Früher fragen zu können: Kann ich irgendwie helfen? Die Leute tragen auch private Stresssituationen in die Firma hinein, und das ist der Standpunkt: Private Probleme haben bei uns nichts verloren, naiv. Wer behauptet, dass er seine beruflichen Probleme nicht in die Familie hineinträgt, lügt. Und so ist es auch umgekehrt."

Gut möglich, dass Thomas Müller solche Fragestellungen demnächst in einem weiteren Buch aufgreifen wird. (Claus Philipp, DER STANDARD Printausgabe 28.4.2005)

Hörtipp

Am Donnerstag, um 21.00 Uhr ist Thomas Müller auf Ö1 zu hören – als Gast der vom STANDARD mit konzipierten Reihe "Zeitgenossen im Gespräch", moderiert von Michael Kerbler und Claus Philipp

  • Kriminalpsychologe Thomas Müller
    foto: standard/ christian fischer

    Kriminalpsychologe Thomas Müller

Share if you care.