Zanella zum Abschied: "Ich wurde Opfer der Politik"

6. Mai 2005, 14:55
posten

Noch-Ballettdirektor des Staatsopernballetts ist für "Fairplay" statt "Schmutzwäsche" - "Holender würde dem Ballett nie eine richtige Autonomie zugestehen"

Wien - Nach zehn Jahren verlässt Noch-Ballettdirektor Renato Zanella die Wiener Staatsoper. Nicht wie geplant, in Richtung Klagenfurt, um Intendant der Wörthersee-Festspiele zu werden, sondern vorerst nach Bregenz, um als freier Choreograf die Balletteinlagen in Carls Nielsens Oper "Maskerade" zu gestalten. Ursprünglich von Staatsoperndirektor Ioan Holender nach Wien geholt, kühlte das Verhältnis der beiden Direktoren während der vergangenen Jahre merklich ab. Im Interview nahm Zanella dazu Stellung und kommentierte auch die geplanten Änderungen bei den Ballettensembles von Staatsoper und Volksoper.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Direktor Holender derzeit?

Zanella: Distanziert. Ich bin ja nicht hinausgeschmissen worden, sondern selbst gegangen. Ich wünsche meinem Nachfolger Gyula Harangozo alles Gute für seinen schwierigen Job, aber ich warne ihn auch. Es wird zwar einerseits anders werden, aber ich habe das Gefühl, dass trotzdem alles so sein wird, wie es vor zehn Jahren auch schon war. Da haben wir vieles machen können, was dann sukzessive wieder zurückgenommen wurde von Holender. Am Anfang bekommt man immer alles, das war bei mir ja auch so.

Zuletzt hat Holender Ihnen vorgeworfen, Vladimir Malakhov für einen Auftritt von wenigen Minuten im "Diaghilew-Abend" um eine volle Abendgage engagiert zu haben.

Zanella: Das hat mich auch gekränkt, denn Holender hat ja den Vertrag unterschrieben, ohne Kommentar. Das ist doch in der Oper auch nicht anders, wenn man Stars kauft. Auch da muss man den ganzen Abend bezahlen. Wenn Holender jetzt Schmutzwäsche waschen will, bin ich bereit, aber was soll das? Ich bin für Fairplay. Man kann doch meine Leistung der vergangenen zehn Jahre nicht auf diesem Niveau abtun.

Was sagen sie zu den geplanten Strukturänderungen im Staatsopernballett?

Zanella: Holender würde dem Ballett nie eine richtige Autonomie zugestehen. Autonomie bedeutet für mich, dass das Ballett Probebühnen hat, Wiederaufnahmen selbst bestimmen kann, und dass eine Anzahl von Premieren garantiert ist. Aber auch falls er mehr Ballettabende bekommt als bisher, wie soll das mit der reduzierten Ensemblezahl funktionieren?

Wie empfinden Sie die Kündigung der Ersten Solotänzer, wie Eva Petters oder Jürgen Wagner?

Zanella: Wie das vor sich gegangen ist, war nicht korrekt. Wir wissen doch aus Erfahrung, wer einmal weg ist, den kriegt man nicht mehr so einfach zurück. Mein Konzept war, ein selbstständiges Ensemble zu entwickeln. Eigentlich das Gegenteil der künftigen Strategie. Ich zweifle, ob das die bessere ist, und habe auch ein Problem mit der Zusammenlegung von Staatsoper und Volksoper. Ich finde es nicht gut, dass es keinen Chefchoreografen mehr geben soll, und auch nicht, dass man moderne Choreografien auf die Volksoper beschränken will. Ein Staatsopernballett braucht auch moderne Choreografien, schon aus Repräsentationsgründen.

"Ich wurde Opfer der Politik"

Wie ist die derzeitige Stimmung im Staatsopern-Ballettensemble?

Zanella: Jetzt ist die Stimmung besser, die Unsicherheit ist weg. Man weiß wer bleibt und wer geht. Aber ob der neue Kurs sich bewähren wird für die Stimmung, weiß ich nicht. Hoffentlich werden die Top-Rollen nicht ausschließlich von den künftigen Gasttänzern getanzt, wenn es keine Ersten Solotänzer mehr gibt. Das wäre sicher nicht positiv für die Stimmung.

Wie wird Ihre persönliche Zukunft aussehen?

Zanella: Ich werde freier Choreograf sein, denn nach meiner großen Verbundenheit mit dem Staatsopernballettensemble könnte ich auch gar nicht so einfach mit einem neuen Ensemble arbeiten. Als nächstes mache ich ein Ballett für Carl Nielsens Oper "Maskerade" in der Inszenierung von Intendant David Pountney bei den Bregenzer Festspielen, einer Koproduktion mit der Royal Opera Covent Garden. Dann kreiere ich ein neues Stück für Birgit Keils Compagnie in Karlsruhe, ein Stück über Hans Christian Andersen. Mein Wohnsitz bleibt vorläufig jedenfalls in Wien. Hier lebe ich gern.

Sie wären beinahe Intendant der Wörtherseefestspiele geworden. Warum haben Sie sich auf das Angebot aus Klagenfurt eingelassen?

Zanella: Da wäre ich nicht mit einem fixen Ensemble verbunden gewesen. Und es tut mir leid, dass es nicht klappen wird. Die Arbeit als Intendant hätte mich sehr interessiert, und ich hätte viel bewegen können. Aber ich wurde ein Opfer der Politik. Es war absurd und artete dann sogar in einen konstruierten Konflikt zwischen mir und Dietmar Pflegerl, dem Intendant des Stadttheater Klagenfurt, aus. Man hat behauptet, ich wollte auch das Stadttheater Klagenfurt übernehmen, aber das ist absurd, denn ich kann doch nicht deutschsprachiges Theater machen.

Wie war ihr Verhältnis zu Jörg Haider? Hat seine politische Herkunft Sie nicht gestört?

Zanella: Das hat mich nicht interessiert. Ich verstehe nichts von österreichischer Innenpolitik, ich versuche ja nicht einmal mehr, die italienische Politik zu verstehen. Haider hat mich geholt, und dann hatte ich nichts mehr mit ihm zu tun, sondern mit dem sprunghaften Aufsichtsrat der Wörtherseefestspiele, und diese Kommunikation war sehr mühsam. Ich habe nicht verstanden, woran es zuletzt gescheitert ist.

Werden Sie weiter machen mit ihrem erfolgreichen Projekt "Off Ballett special" für behinderte Menschen?

Zanella: Leider dürfen wir damit nicht auftreten bei der Matinee der Ballettschule im Juni, das hat mich sehr gekränkt. Das wird die traurigste Erinnerung am Ende meiner Zeit hier bleiben. Ich verstehe auch nicht, warum Holender das abgelehnt hat. Ich werde jedenfalls versuchen, das Projekt weiter zu führen. Der Verein bleibt bestehen. (APA)

Saisonschluss-Gala des Wiener Staatsopernballetts nach zehn Jahren Direktion Renato Zanella
am 28. Juni, 19 Uhr
Wiener Staatsoper
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.