A380 läutet neue Luftfahrt-Ära ein

9. Mai 2005, 14:14
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Pilot: "Normaler Testflug, aber ein ganz besonderes Flugzeug" - Luftfahrt feiert his­to­rischen Flug des "großen weißen Elefanten

Toulouse/Hamburg - Nach seinem historischen Erstflug ist der Riesen-Airbus A380 sicher gelandet: Die größte Passagiermaschine aller Zeiten setzte am Mittwochnachmittag um 14.22 Uhr auf dem Flughafen Toulouse-Blagnac auf, von wo aus sie um 10.29 Uhr bei strahlendem Sonnenschein gestartet war.

Beim gut dreieinhalbstündigen Flug führte die sechsköpfige Testmannschaft an Bord nach eigenen Angaben unter anderem Geschwindigkeitstests erfolgreich aus. Vor der ersten Landung des A380 flogen die Piloten eine große Schleife um den Flughafen, wo Zehntausende Neugierige dem Großraumjet zujubelten.

Die Besatzung hatte die Flughafenbehörden gegen 13.30 Uhr informiert, dass sie "gegen 14.00 Uhr" wieder auf der so genannten Concorde-Piste von Toulouse-Blagnac landen wollte. Von dieser Piste Nummer 32 aus waren einst die legendären Überschalljets zum ersten Mal gestartet.

Luftfahrtindustrie in Feierstimmung

Als der Airbus A380 nach knapp vier Flugstunden auf der Piste des Flughafens in Toulouse aufsetzt, herrscht in der europäischen Luftfahrtindustrie Feierstimmung.

"Wie ein großer weißer Elefant", kommentierten Luftfahrtfans am Rand der Startbahn in Toulouse den Bilderbuchstart des 73 Meter langen Jets. Als die Maschine kurz vor halb drei Uhr nachmittag sicher am Ausgangsflughafen aufsetzte, waren Kommentatoren und Beobachter von der "butterweichen" Landung begeistert.

Um 10.29 Uhr drückten die Testpiloten Claude Lelaie und Jacques Rosay die Schubhebel nach vorn und entfesselten die Kraft der vier Rolls-Royce-Triebwerke. Rund 30 Sekunden beschleunigte der Vierstrahler auf der 3.500 Meter langen Startbahn. Nach 1.800 Metern Startstrecke hob der 421 Tonnen schwere Jet ab und stieg in den blauen Himmel über Südfrankreich.

Leiser Gigant

Dabei wurde ein Vorteil des neuen Flugzeuges schnell deutlich: Der Gigant raste extrem leise über die Startbahn - und übertönte nicht einmal den Beifall der Zuschauer. Beifall und Begeisterung gab es auch in den deutschen Airbus-Werken. Dort verfolgten die Mitarbeiter auf Großbildleinwänden den Jungfernflug.

Rund 8.000 Mitarbeiter feierten in Hamburg in einer großen Ausstattungshalle. "Es gab wenige Momente in meiner Airbus-Laufbahn, die so bewegend waren", sagte der Geschäftsführer von Airbus Deutschland, Gerhard Puttfarcken. "Wir haben alle den Atem angehalten, dann gab es einen Riesenapplaus", beschrieb Werkleiter Jürgen Nuske die Stimmung im Airbus-Werk in Nordenham.

"Ein ganz besonderes Flugzeug"

"Das ist ein normaler Testflug, aber natürlich ein ganz besonderes Flugzeug", sagte Airbus-Testpilot Peter Chandler in Toulouse. Der erfahrene Spezialist war bei diesem Jungfernflug nicht an Bord, sondern unterstützte seine Kollegen vom Boden aus.

"Die Besatzung war in den vergangenen Wochen fast ständig im Simulator", beschrieb Chandler die intensive Vorbereitung des Testflugteams.

Flugzeugfans aus ganz Europa hatten den Flughafen der südfranzösischen Stadt seit mehreren Tagen belagert und verfolgten jede Bewegung des Giganten. Als die Besatzung mit den Testpiloten Claude Lelaie, Jacques Rosay, dem deutschen Ingenieur Manfred Birnfeld und drei weiteren Spezialisten um kurz nach 10 Uhr losrollt, winken mehrere tausend Airbus-Mitarbeiter und Flugzeugfans auf dem Flughafen.

Test über dem Atlantik

Nach dem Abheben nahm der Gigant entlang der Pyrenäen Kurs auf den Golf von Biscaya. Dort begannen im Cockpit die ersten Tests.

Weil das A380-Testflugzeug keine Innenausstattung hat, war es extra mit Wasser als Ballast auf 421 Tonnen "angespeckt" worden. Zudem waren 20 Tonnen Rechner an Bord, die ständig über Satellit Mess- und Flugdaten von 6.000 Parametern zur Auswertung an die Bodenstation sendeten.

In der Maschine wurden die beiden Testpiloten von vier Flugingenieuren unterstützt. Alle hatten Fallschirme dabei. Aus Sicherheitsgründen wurde das Fahrwerk erst in 3.000 Metern Höhe nach 100 Kilometer Flug eingefahren.

Die Piloten prüften zudem die Beschleunigung und das Einfahren der Landeklappen. Außerdem mussten Systeme wie die Druckkabine erstmals ihre Funktionstüchtigkeit beweisen.

Kollektiver Erflog

Airbus-Chef Noel Forgeard gab sich schon rund eine Stunde nach dem Start siegessicher: "Das ist ein kollektiver Erfolg unserer 50.000 Mitarbeiter", sagte er in Toulouse. Die jüngsten Verkaufserfolge des Konkurrenten Boeing sieht Forgeard gelassen.

"Ich bin überzeugt, dass wir auch in diesem Duell in der Mittelklasse eine sehr starke Rolle spielen werden", sagte er mit Blick auf die Konkurrenz zwischen der neuen Boeing 787 und dem neuen Airbus A350. Forgeard kündigte neue Bestellungen für die Luftfahrtmesse in Le Bourget im Juni an.

Nervenkrieg

Der Jungfernflug des A380 erfolgte exakt zum ersten Jahrestag des Programmstarts des 787 "Dreamliner", mit dem Boeing die Europäer wieder überrunden will. Der US-Konzern setzte den "Nervenkrieg" mit Airbus am Mittwoch mit der Mitteilung fort, es lägen bereits 217 Bestellungen und Optionen für den 787 vor.

Forgeard konterte mit dem Hinweis, der Jungfernflug des A380 habe bewiesen, dass der Super-Airbus drei Dezibel leiser sei als Boeings 747. Außerdem soll der A380 um 17 Prozent niedrigere Betriebskosten haben.

Etappensieg

Mit dem erfolgreichen Erstflug ist aber nur ein Etappensieg erreicht. In den kommenden Monaten stehen die entscheidenden Tests an, wenn die Piloten den Vierstrahler bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit prüfen. Dabei werden ganz bewusst Flugmanöver geflogen, die später im Liniendienst niemals auftreten sollen.

Praxistests ganz anderer Art stehen im Spätsommer auf dem Programm. Dann wird die Kabinenausstattung auf Herz und Nieren geprüft. Bei so genannten "Route Proving"-Flügen startet der neue Airbus mit Testpassagieren an Bord zu großen Flughäfen weltweit. Dann wird die Funktion von Klimaanlage, Küchen und Toiletten ausprobiert, ebenso die Abfertigung am Flughafen.

"Revolutionärer Vogel" mit Vorfahren

Der A380 ist nicht der erste "revolutionäre Vogel", der in Toulouse flügge wurde. Vor 50 Jahren - am 27. Mai 1955 - hob hier erstmals die Caravelle ab, mit der Frankreich nach dem Krieg in das zivile Luftfahrtgeschäft zurückkehrte.

Auf der Piste, von der der A380 abhob, startete am 2. März 1969 das erste Überschall-Verkehrsflugzeug Concorde zu einem 29-minütigen Testflug. Auch der allererste Airbus, ein A300, setzte am 28. Oktober 1972 in Toulouse zu seinem Erstflug an.

10,7 Milliarden Euro Entwicklungskosten

Rund 10,7 Mrd. Euro hat die Entwicklung des Flugzeugs mit zwei Passagierdecks und einem Gepäckdeck bisher gekostet. Ein Drittel wurde von Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien als Kredit vorgeschossen.

Die Entscheidung für eine zweite Frachtversion und höhere Lärmschutzanforderungen trieben die Kosten um 1,45 Mrd. nach oben. Je nach Version kostet der A380 nach Liste 263 Mio. bis 286 Mio. Dollar (bis 221 Mio. Euro). Airbus gehört zu 80 Prozent dem europäischen Flugtechnikkonzern EADS, an dem DaimlerChrysler zu gut 30 Prozent beteiligt ist, und zu 20 Prozent BAE Systems. (APA)

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    Der Airbus A380 setzt sicher auf: Der Erstflug ist laut Piloten "perfekt" gelaufen.

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