Telekom Austria vor Neustrukturierung

2. Mai 2005, 12:20
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Sundt gegen Trennung von Mobilfunk und Festnetz - Generaldirektor übt Kritik an Infrastrukturpolitik

Der Vorstand der börsenotierten Telekom Austria (TA) hat sich auf eine neue Unternehmensstruktur geeinigt. Diese werde man morgen, Donnerstag, dem Strukturausschuss und in Folge dem Aufsichtsrat vorlegen, sagte TA-Generaldirektor Heinz Sundt am Mittwoch vor Journalisten. Die neue Holding-Struktur bilde auch die von ihm gewünschte Konzerneinheit von Mobilfunk und Festnetz ab, die für die geplante Expansion Richtung Südosteuropa notwendig sei.

Langfristiger Aktionär

Wünschenswert für den vorgesehenen Wachstumskurs sei auch ein langfristiger Aktionär, der diese Strategie begleite und auch bei allfälligen Kapitalerhöhungen mitziehe, meinte Sundt Richtung Staatsholding ÖIAG. Er habe den Eindruck, dass das Thema Telekom Austria von der Politik angesichts der möglichen baldigen Neuwahlen nicht intensiv genug aufgegriffen und diskutiert werde, so Sundt, der sich von der ÖIAG eine Analyse darüber wünscht, was für oder gegen einen Verkauf der TA spreche.

Mobitel

Die TA steht vor der Übernahme der bulgarischen Mobiltel, die "spätestens Anfang des vierten Quartals", aber möglicherweise auch schon früher über die Bühne gehen könnte, so Sundt heute. In Serbien wird die Übernahme des Mobilfunkbetreibers Mobtel angestrebt, hier sei man "gut positioniert". Details dazu wollte Sundt nicht nennen. In Bosnien sehe man die Lage auf Grund politischer Verhältnisse und ungelöster Lizenz- und Eigentümerfragen bei der Eronet weniger optimistisch. Der TA stehe angesichts der fortschreitenden Sanierung der großen Telekomkonzerne für Südosteuropa-Akquisitionen ein Zeitfenster bis spätestens Ende 2006 zur Verfügung.

Für die Finanzierung der Südosteuropaexpansion stehe neben der mit 2 Mrd. Euro bestückten "Kriegskasse" auch ein "Reservebetrag" von rund 240 Mio. Euro durch Aktienrückkäufe zur Verfügung, bemerkte Sundt. Aktien im Wert von 65 Mio. Euro habe man bereits zurückgekauft. Außerdem könne dank des hohen Cash Flows auch kurzfristige der Verschuldungsgrad erhöht werden. Mit der geplanten Expansion könnte der Unternehmenswert der TA um mindestens 30 Prozent gesteigert und der Heimmarkt von 8 auf 35 Mio. potenzielle Kunden erweitert werden.

"Wenn man ein Element herausnimmt, funktioniert das Konzept nicht mehr"

Sundt sprach sich heute dezidiert gegen eine Trennung der Unternehmensbereiche Mobilfunk und Festnetz aus. Ohne Konzerneinheit sei die geplante Expansion Richtung Südosteuropa nicht machbar, betonte Sundt: "Wenn man ein Element herausnimmt, funktioniert das Konzept nicht mehr". Bei einem Verkauf von einem der Unternehmensbereiche wäre hingegen eine Koordination von Festnetz und Mobilfunk nicht notwendig. Die Konzerneinheit sei auch deshalb wichtig, da Festnetz und Mobilfunk derzeit zwar getrennt funktionieren, künftig aber stärker Richtung Konvergenz zusammenwachsen würden, meinte Sundt.

Mit der neuen Holdingstruktur werde die TA als "integrierter Konzern" in die Zukunft gehen, wobei die Interessen von Festnetz und Mobilfunk strategisch verbunden werden sollen, so Sundt. Die Struktur müsse dabei elastisch genug für eine Reaktion auf Marktveränderungen sein. Mit vier Holding-Vorständen kann Sundt "durchaus leben". Die Frage, ob die Festnetz- und Mobilfunktochter als GmbH oder AG unter der Holding geführt werden, sei "irrelevant". Wichtig sei, mit welchen Geschäftsordnungen und Satzungen die Firmen ausgestattet würden, so Sundt.

Vereinbart

Im Herbst 2004 hatten TA-Aufsichtsrat und Vorstand vereinbart, dass das Unternehmen unter einer neuen Holding in eine Festnetz- und eine Mobilfunkgesellschaft geteilt werden soll, die Vorstände verfolgten in der Diskussion allerdings unterschiedliche Interessen. Während sich Generaldirektor Heinz Sundt und Finanzchef Stefano Colombo als Vorstände einer neuen starken Holding eine Ausweitung ihres Einflusses erhofften, wollten Festnetzchef Rudolf Fischer und vor allem Mobilkom-Chef Boris Nemsic durch die Eingriffsmöglichkeiten der Holding möglichst viel Eigenständigkeit.

Die Staatsholding ÖIAG hält derzeit noch 25,2 Prozent (exklusive 5-prozentiger Wandelanleihe) an der TA. Der geltende Privatisierungsauftrag sieht einen Verkauf der Telekom Austria von "bis zu" 100 Prozent bis zum Ende dieser Legislaturperiode vor.

Sundt kritisiert Infrastrukturpolitik BILD Generaldirektor wünscht sich Koordinator im Ministerium für Breitband-Internet und günstiges Investitionsklima

Sundt kritisiert Infrastrukturpolitik

Auf Kritik stößt bei Heinz Sundt die aktuelle Infrastrukturpolitik. In Österreich fehle ein Infrastrukturwettbewerb im Telekombereich, auch die Standortpolitik lasse zu wünschen übrig, meinte Sundt am Mittwoch vor Journalisten.

Koordinator

Wünschenswert wäre ein verantwortlicher Koordinator im Infrastrukturministerium, der sich für den Bereich ITK (Informationstechnologie und Telekommunikation), den schnelleren Ausbau von Breitband-Internet und ein investitionsfreundliches Klima einsetze. Österreich sei in punkto Breitband-Internet in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich zurückgefallen, kritisierte Sundt.

Jüngsten Spekulationen, die TA könnte ihrerseits die Schweizer Swisscom übernehmen, erteilte der TA-Chef heute eine Absage. Es gebe keine derartigen Pläne, dies würde auch strategisch keinen Sinn machen. Zusammenschlüsse von Ex-Monopolisten in Europa seien generell nicht sinnvoll, dieser Trend werde auch künftig anhalten, meinte Sundt. Die Fusion der skandinavischen Telia und Sonera sei ein Beispiel dafür, dass es dabei nur "marginale Erfolge" gebe. Die TA sei daher auch künftig kein potenzieller Übernahmekandidat für Ex-Monopolisten.

Ausnahme

Eine Übernahme der TA durch die Swisscom wäre eine Ausnahme gewesen, da man mit dem Geld der reichen Swisscom die geplante Südosteuropa-Expansion finanzieren hätte können, bemerkte Sundt. Die von Swisscom versuchte Übernahme der TA war im Sommer 2004 in letzter Minute an politischen Widerständen in Österreich gescheitert. Die Investitionsbereitschaft von Telcos sei international zuletzt generell massiv, in den vergangenen sechs Monaten seien 57 Mrd. Euro für Zukäufe aufgewendet worden, Zielobjekte seien aber nicht Ex-Monopolisten, sondern vor allem Marktzweite und -dritte gewesen.

Trend

Den Trend einiger Telekomfirmen, Medienunternehmen zu werden, hält Sundt nicht für sinnvoll, wiewohl Zusatzangebote wie "Triple Play" - ein Kombiprodukt für Fernsehen, Internet und Telefonie am TV-Gerät - angesichts des Preisverfalls auch im Datenbereich ein "attraktiver Ansatz" seien. Die TA plant die Triple Play-Markteinführung in Wien im vierten Quartal 2005.

Im Festnetzbereich hält Sundt den Trend, die Grundgebühren anzuknabbern oder auf diese zu verzichten, für "gefährlich". Hier sei abzuwägen, inwieweit die Investitionsfähigkeit von Unternehmen reduziert werde. Der größte alternative Telekom-Anbieter Tele2UTA hatte kürzlich den Vertrieb eines billigen Grundgebühr-Pakets für Festnetz und Internet gestartet. (APA)

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    Telekom-Chef Heinz Sundt

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