Die wieder zurückgegebene Geschichte

20. März 2006, 21:00
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Eine Ausstellung für die Spiegelgrund-Opfer im Stadt- und Landesarchiv im Gasometer D - verlängert bis Ende 2005

Wien - 789 Kinder wurden in der NS-Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" unter dem Deckmantel der Medizin ermordet, missbraucht für Forschungszwecke. Oft sind die Krankengeschichte und das Totenbuch das Einzige, was von ihnen geblieben ist. Im Wiener Stadt-und Landesarchiv versucht man seit drei Jahren - seit man die Spiegelgrund-Akten übernommen hat - diesen Kindern ihre Geschichte wieder zurückgeben.

Die Ausstellung "Kindereuthanasie in Wien 1940-1945" zeigt auch, dass es mit Kriegsende nicht vorbei war. Noch im Juli 1945 gab es die letzte Aufnahme in die Anstalt. Präparate der ermordeten Kinder wurden bis in die 1970er-Jahre verwendet.

Schulprojekt

"Ich habe die Kinder kennen gelernt, die, die lachten, jene, die Angst hatten, nackt fotografiert zu werden, die weinten, bis sie für immer stumm waren", sagte die Kuratorin Brigitte Rigele am Dienstag bei einer Gedenkfeier, bei der Schüler und Schülerinnen die kurzen Lebensgeschichten einiger Opfer vorstellten, die sie in einem Schulprojekt recherchierten.

Die Krankengeschichten - die penible Bürokratie der Grausamkeit - werden ebenso gezeigt wie Briefe der Kinder an die Eltern, eine Zeichnung, auf der Lokomotiven und lustige Hampelmänner zu sehen sind. Und die Fotos der Kinder. Von den ganz Kleinen, die erstaunt in die Kamera schauen. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren lächelt freundlich. Dann die vielen Aufnahmen, für die den Kindern die Gesichter mit Gewalt in die Kamera gehalten werden.

1948 entschied ein Gericht, dass den Kindern die Einsicht gefehlt hätte, was mit ihnen passiert, und folgerte daraus, dass es sich um Tötung gehandelt habe und nicht um Mord. Erst 1997 wurde Anklage wegen Beteiligung an Mord erhoben. Der frühere Spiegelgrund-Arzt Heinrich Gross muss sich nicht mehr für die mutmaßliche Ermordung behinderter Kinder vor Gericht verantworten, weil der 89-Jährige laut einem Gutachten nicht verhandlungsfähig ist. "Der Rest ist senile Demenz", steht als letzter Satz im Ausstellungskatalog. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD Printausgabe, 27.04.2005)

"Kindereuthanasie in Wien 1940-1945", Stadt- und Landesarchiv, 11., Guglgasse 14, Gasometer D. Bis Ende 2005
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