Umwerfende Grenzüberschreitung

2. Mai 2005, 16:46
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Thomas Quasthoff jazzt im Musikverein: Seit Montag weiß man, dass der Genrewechsel von Klassik zu Jazz auch ohne großen Substanzverlust möglich ist

Wien – Mit Dokumenten der Annäherungen von Klassik und Jazz (und umgekehrt) lässt sich ein Klangmuseum der musikalischen Irrtümer und gut gemeinter Missverständnisse füllen; und die Ursache ist gar nicht schwer zu finden: Zwischen klassischer und jazziger, also synkopierter Phrasierung liegen Welten. Und schnell wirkte ein profunder Arienmensch, so er sich einen alten Standard vornahm, wie ein Lehrling.

Kam ein opernhaft-opulenter Stimmeinsatz hinzu, getrieben vom Wunsch, endlich einmal vom Notenstress befreit, die Luft der musikalischen Freiheit zu atmen und die kathartische Wirkung der Improvisation auszukosten, war ein schlechter Musikscherz geboren. Seit Montagabend jedoch ist man im Besitz von Eindrücken, die belegen, dass der Genrewechsel ohne großen Substanzverlust möglich ist.

Auch dies ist nicht schwer zu erklären: Bariton Thomas Quasthoff hat verstanden, dass das Mikro nicht eine Krücke ist, sondern ein Instrument, das ganz eigene vokale Farben ermöglicht. Ja, eine neue Art des subtilen Singens entstehen hat lassen. Das wahrhaft Erstaunliche ist allerdings, dass sich Quasthoff nicht nur im Sinne des Materials zurücknimmt, sondern über ein rhythmisches Gefühl und eine Linienführung verfügt, die jedem Jazzprofi zur Ehre gereichen würden.

Natürlich hat sein Scatgesang (noch) Amateurcharakter. Er bewegt sich, wenn er Charlie Parkers Ornithology anpackt, was Tonhöhen anbelangt, im Bereich des Ungefähren. Anderseits demonstriert er bei einer Solonummer in der Art von Bobby McFerrin, wo es darum geht, aus dem Geist der Kontrapunktik die Illusion einer ganzen Band zu erwecken, erstaunliches Phrasierungsgefühl.

Bei Balladen, die ein bisschen an Sammy Davis Jr. erinnern, ist er dann – begleitet vom bestenfalls soliden Pianisten Oliver Gross – allerdings zur Gänze bei sich, also bei der vollen, aber dezenten Ausnutzung seiner dynamischen und klanglichen Möglichkeiten. Das hatte ganz umwerfende poetische Qualität und sollte CD-mäßig gewürdigt werden. Ein Sänger von Weltformat verdient jedoch einen Pianisten von Weltformat. Dann aber bitte gleich in den Goldenen Saal mit ihnen! (DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2005)

Von Ljubisa Tosic
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