Geschichte umgeschrieben: Quartär wurde gestrichen

4. Mai 2005, 16:12
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Geologen diskutieren einen Eingriff in die Erdgeschichte, der bis in künftige Schulbücher reichen kann

    Neben Forschungen, die beim laufenden Wiener Geosciences-Kongress präsentiert werden, diskutieren Geologen auch einen Eingriff in die Erdgeschichte, der bis in künftige Schulbücher reichen kann: Das Quartär wurde gestrichen.

Wien – Außenstehenden mag es als bürokratische Posse erscheinen. Vielen Geologen jedoch kommt das Ereignis einem Putsch gleich. Im Handstreich wurde ein Zeitalter aus der Skala der Erdgeschichte entfernt. Das Quartär. Jene Epoche, die die vergangenen 1,8 Millionen Jahre umfasst, wurde von der Internationalen Kommission für Stratigrafie (ICS) einfach ausradiert. Das Neogen, das 23 Millionen Jahre zurückreicht, wurde stattdessen bis in die Gegenwart verlängert. Viele Geologen sind empört, denn das Quartär ist ein Zeitalter mit besonderer Tradition – worauf auch bei der derzeit in Wien laufenden Generalversammlung der European Geosciences Union hingewiesen wird.

Das Quartär war Bestandteil der ersten offiziellen geologischen Zeitskala. 1759 unterschied der Naturkundler Giovanni Arduino vier Abschnitte der Erdgeschichte: Primär, Sekundär, Tertiär und Quartär. Nur Quartär und Tertiär haben überlebt. Bis heute. Während dem Tertiär, das auf der neuen Skala ebenfalls fehlt, kaum jemand nachtrauert, sind dem Quartär viele Institutionen verbunden: Kaum ein Begriff taucht in geologischen Schriften häufiger auf, die meisten Schüler kennen ihn. Es gibt zahlreiche quartärgeologische Gesellschaften, Fakultäten und Zeitschriften.

Ein Schock

So waren viele Forscher perplex, als sie die neue Zeitskala zu sehen bekamen. "Das Quartär fehlte, es war ein Schock für mich", berichtet etwa Jürgen Reitner, Quartärgeologe an der Geologischen Bundesanstalt in Wien. Nun wehrt sich die Forschergemeinde: Pamphlete werden verfasst, Ausschüsse einberufen und Schlachtpläne entworfen. Zur Rettung des Quartär.

Dieses umfasst einen Gutteil des Eiszeitalters. In diesem lagerten sich die obersten Sedimentschichten des Bodens ab. Für manche ist das "der Dreck, der die Geologie verhüllt". Quartärgeologen jedoch verweisen auf die Bedeutung der Ablagerungen: Sie bilden etwa das Fundament der Klimaforschung. Und im Quartär ging der Mensch (Homo erectus) aus der Evolution hervor, es ist daher auch für Archäologen, Anthropologen und Biologen ein bedeutendes Forschungsgebiet. "Die jüngste geologische Vergangenheit ist eine besondere Epoche, sie verdient eine eigene Bezeichnung", betont Reitner.

Ein Lidschlag

Verglichen mit den anderen erdgeschichtlichen Perioden sind die 1,8 Millionen Jahre freilich ein Lidschlag; die Kreidezeit etwa dauerte 75 Millionen Jahre. Das ist auch das Argument des ICS: Das Quartär passe ob seiner Kürze nicht in die Skala. Und es lasse sich nicht eindeutig abgrenzen. Geologische Perioden ergeben sich anhand klarer Unterschiede in den Ablagerungen, meist liegen abrupte Änderungen des weltweiten Fossilien- und Sedimentbestandes vor. Der Beginn des Quartär jedoch leitet sich aus Ablagerungen nahe der italienischen Ortschaft Vrica ab, deren Bedeutung umstritten sind. So sind die Quartärgeologen nicht unschuldig am Verschwinden des Quartär: Denn der Anfang des Eiszeitalters vor 2,6 Millionen Jahren wäre wohl die eindeutigere geologische Abgrenzung. Eine entsprechende Korrektur scheiterte jedoch mehrfach an der dafür notwendigen Zweidrittelmehrheit der in der Internationalen Vereinigung für Quartärforschung organisierten Wissenschafter.

Die Rettung des Quartär, was ein Umschreiben von Schul- und Lehrbüchern verhindern würde, ist dennoch möglich: Noch ist Einspruch zulässig, die neue Zeitskala wird erst 2008 offiziell gültig. (DER STANDARD, Print, 27.4.2005)

Axel Bojanowski
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