Tanz: Bilddeutung des Krieges

6. Mai 2005, 14:55
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Eine bemerkenswerte Gründung: Die neue Company des weltberühmten Choreografen William Forsythe zeigt ihr erstes Stück in Frankfurt

Neben ihm verblassen die meisten innovativen Ballettchoreografen des vorigen Jahrhunderts, von Jirí Kylián bis Maurice Béjart und letztendlich auch George Balanchine. Erst durch William Forsythe hat das Ballett – nicht zu verwechseln mit dem zeitgenössischen Tanz – seinen Durchbruch als Gegenwartskunstform geschafft. Als "Anerkennung" dafür wurde dem Künstler, der bis zum Vorjahr das Ballett Frankfurt leitete, von der sparwütigen Kulturpolitik der Stadt am Main der Vertrag gekündigt. Weltweite Empörung war die Folge. Frankfurt hat sich blamiert.

Forsythe gelang es, zu Jahresbeginn "The Forsythe Company" aus der Taufe zu heben, die nun – ausgerechnet im Frankfurter Bockenheimer Depot – ihre erste "freie" Produktion vorstellt: Three Atmospheric Studies. Eine Arbeit, deren Plan und Praxis zeigt, von welch unvergleichlicher Qualität die Besetzung der Truppe ist und wie unerreicht ihr Choreograf bleibt.

Eine zentralperspektivisch in die Tiefe führende graue Gasse beherrscht die Bühne. Sie wird in einer Lichtinstallation von Spencer Finch durch mit farbigen Folien akribisch strukturierte Neonröhren beleuchtet. Die Tänzer tragen Kleider in lichten Farben, ein Synthesizer ahmt zu Beginn Geigengesäusel nach. Die erste atmosphärische Studie ist von einer schlafwandlerischen Stimmung geprägt, in der das Licht immer wieder changiert und ausgeht. Die Menschen auf der Bühne staksen vereinzelt oder in kleinen Grüppchen durch die dünne Musik von David Morrow. Im Hintergrund leuchtet menetekelhaft eine Schrift aus Lichtpunkten: "Resembling dawn / A wilderness over there / As if ghostly afterwards an explosion, too distant to be heard."

Etwas Unheimliches dräut – "as if nothing dangerous were circling overhead" – in der Atmosphäre, verdichtet sich während der zweiten Hälfte des ersten Teils. "A very clear day, inside" lächelt die Schrift an der Wand und deutet einen Tatort an: "Somewhere near here." Drei Figuren tanzen. Elf andere haben Sessel mitgebracht, schauen zu. Auch Dis 3. Spalte tanz, Gegen-die-Wand-Starren. Die Wand schreibt: "Like an army, before this wall."

Im zweiten Teil der atmosphärischen Studien kommt der Krieg. Geschoße zischen über eine haltlose Menschenmenge. Ein Bilddeuter (David Kern) erklärt erst eine Wolkenformation auf einem Foto, dann die – imaginären – Zerstörungen rundum, macht auf wild verstreute Dinge des täglichen Lebens aufmerksam. Mit verzerrter Männerstimme redet eine Frau (Dana Caspersen) auf ein paralysiertes Opfer ein: "Ma'am, you under^stand that everything that happened there was necessary."

Hände hämmern gegen Wände, Körper kollabieren, Leichen liegen Seite an Seite, eine fassungslose Frau irrt mit verzogenen Gliedern und verzerrter Miene umher. Was als Traumwandlerei begonnen hat, endet in einem Schreckenstanz über den Zynismus der Kriegslogik.

Auffällig unaufwändig und mit ironischer Schärfe inszeniert Forsythe diese Apokalypse, in der das Ungeheuerliche ohne Überhöhung dargestellt wird: "Things fall apart, that's just the way it is." Mit Feingefühl leitet er seine Figuren durch den Metaphernraum der Bühne, der sich als Reflexionszone hinter den Fernsehbildern, die den Krieg als Infotainment ins Wohnzimmer tragen, bewährt.

Forsythe hat dieses erste Werk für seine neue Company als gut verständliches, wenn auch mit zahlreichen Subtexten durchzogenes Stück geschaffen. Die Zeugen seiner Wiederauferstehung, auch die zum Konservativismus neigende Mehrheit des deutschen Tanzfeuilletons, konnten von Three Atmospheric Studies nicht überfordert sein. Insofern kann diese Arbeit als Reaktion auf die neue Situation gelesen werden.

The Forsythe Company wird künftig als Gesellschaft mit beschränkter Haftung in einer Public Private Partnership geführt, finanziert von Hessen und Sachsen (bis 2009 mit jährlich drei Millionen Euro) sowie privaten Geldgebern mit 25 Prozent Kostenbeteiligung. Ein gewagter Neubeginn, denn schon das bisherige Oeuvre des Choreografen lebendig zu erhalten wird einige Investitionen erfordern. Die Company wird ab Mai auch in Dresden auftreten, ab 2006 im dann neu renovierten Festspielhaus Hellerau. Forsythes Stücke und Installationen reisen ab Mai nach Brüssel, Montpellier, Venedig, Avignon, Berlin und Japan. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2005)

Von Helmut Ploebst aus FrankfurtBallett Frankfurt
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    foto: screenshot frankfurt-ballett.de
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