Doisneaus "Baiser" ein teurer Kuss

2. Mai 2005, 15:34
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Weltberühmte Fotografie um 155.000 Euro in Paris versteigert - Rekordpreis für Lichtbild, das ursprünglich auf bis zu 20.000 Euro geschätzt wurde

Paris - Der weltbekannte "Kuss" des Fotografen Robert Doisneau ist nicht nur legendär, sondern auch wertvoll. Ein Erstabzug des Fotos "Le Baiser de l'Hôtel de Ville", das ein Liebespaar vor dem prächtigen Pariser Rathaus zeigt, wurde am Montagabend in Paris nach einem kurzen und heftigen Bietgefecht für 155.000 Euro versteigert.

Rekordsumme: "Das ist außergewöhnlich"

Als "Rekordsumme" bezeichnete das Pariser Auktionshaus Artcurial den Preis des 18 mal 24,6 Zentimeter großen Erstabzugs, der nach nur drei Minuten unter den Hammer kam. Ein namentlich nicht genannter Schweizer ist der neue Besitzer der hingebungsvollen, aber gestellten Kussszene in Schwarz-Weiß von 1950, die ursprünglich auf 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt wurde.

"Das ist außergewöhnlich. Darauf waren wir nicht gefasst. Das hat mich sehr berührt. Für mich bedeutet dieser Verkauf einen neuen Start. Ich werde einen Abzug kaufen, um das alles nicht zu vergessen", erklärte Françoise Bornet, die Protagonistin der Kussszene. Mit dem Geld will die heute 75-Jährige eine Produktionsgesellschaft gründen und jungen Filmemachern helfen.

Derartige Euphorie zuletzt bei Versteigerung von Mitterands-Mobiliar

Eine derartige Euphorie habe es zuletzt bei der Versteigerung der Möbel von Ex-Präsident Francois Mitterrand gegeben, sagte ein Angestellter des Auktionshauses. Die Anwesenheit Bornets bei der Versteigerung habe den Preis nach oben getrieben. "Da setzt eine Magie ein."

Sinnbild des Klischees von Paris als "Stadt der Liebe"

Mit dem Foto, das zum Sinnbild des Klischees von Paris als "Stadt der Liebe" geworden ist, begann für Doisneau eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Nach tausendfacher Verbreitung als Postkarte kam der "Kuss" 1986 als Poster auf den Markt und wurde mehr als 400.000 Mal verkauft. Außerdem wurde das Motiv für die Kampagne "Liebe zu den Spielen", mit der Paris sich um die Austragung der Olympischen Spiele 2012 bewirbt, wiederaufgelegt.

Viele wollten Liebespaar auf Foto gewesen sein

Doch die Liebesszene hatte Doisneau nicht nur Ruhm, sondern auch viel Ärger eingebracht. 1992 behauptete ein Ehepaar, das Liebespaar auf dem Foto zu sein. Dieses Fernsehgeständnis holte Françoise Bornet und ihren Ex-Partner Jacques Carteaud, der heute Winzer in der Provence ist, aus der Reserve und zwang Doisneau dazu, das seit vier Jahrzehnten gehütete Geheimnis um das "Kuss"-Foto zu lüften: Statt um einen Schnappschuss handelte es sich um einen Auftrag des Magazins "Life" zum Thema "Verliebte in Paris".

Modell Bornet erinnert sich

"Er hat fünf oder sechs Posen aufgenommen. Es dauerte ungefähr einen halben Tag", erinnert sich heute Bornet. Doisneau entdeckte die junge Frau, als die damalige Schauspielschülerin mit dem gleichaltrigen Carteaud vorbei flanierte. Sie küssten sich wirklich - jedoch nicht vor dem Rathaus. Doisneau bat die Liebenden, gegen Modellhonorar das Geturtel an verschiedenen Orten der Stadt zu wiederholen, unter anderem auch vor der herrlichen Fassade des "Hôtel de Ville".

Wenige Tage nach dieser Aufnahme schickte Doisneau der jungen Frau das Foto als Erinnerung zu - auf dem Rücken der Stempel des Fotografen und die Nummer des Negativs, 21.039, von dem sich Françoise Bornet nun nach mehr als einem halben Jahrhundert getrennt hat. (APA/dpa)

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