Psychiater: Verstärkte Gefahr einer Depression bei Arbeitslosen

3. Mai 2005, 15:28
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Mediziner übt Kritik am AMS: "Die Menschen, die auf das AMS angewiesen sind, sind arm dran"

Wien - "Arbeitslose sind doppelt so gefährdet, an einer Depression zu erkranken, wie ihre berufstätigen Altersgefährten." Das erklärte der Wiener Psychiater Dr. Albert Wuschitz am Dienstag in einer Aussendung. "Inzwischen ist jeder Sechste meiner Patienten arbeitslos. Die Entwicklung ist alarmierend."

Im ersten Quartal hatten 15 Prozent seiner Patienten einen Krankenschein vom Arbeitsmarktservice (AMS), berichtete der Psychiater. "Die Arbeitslosigkeit liegt in Österreich aktuell bei 7,8 Prozent. Aber für Menschen ohne Beschäftigung ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, doppelt so hoch wie für Menschen mit einem Arbeitsplatz." Besonders betroffen sind Menschen, die einmal ein sehr gutes Einkommen hatten, erläuterte Wuschitz. "Auch meine Kollegen registrieren, dass das AMS mittlerweile einer unserer wichtigsten Arbeitgeber ist."

"Massives Problem"

Auch viele Patienten des Wiener Allgemeinmediziners Dr. Gerhard Sobotka sind arbeitslos: "Von diesen Menschen sind etwa die Hälfte von Depressionen betroffen. Anhaltende Arbeitslosigkeit stellt für arbeitswillige Menschen ein massives Problem dar." Wirkliche Hilfe biete das AMS nicht an. Sobotka über seine Erfahrungen: "Mir hat noch kein einziger Arbeitsloser erzählt, das AMS hätte ihm weitergeholfen. Im Gegenteil. Die Menschen, die auf das AMS angewiesen sind, sind arm dran. Diese Aussichtslosigkeit kann das Risiko für Depressionen nur erhöhen."

Verlust des Selbstwertgefühls

Psychiater Wuschitz beschreibt die Entwicklung vom Beginn der Arbeitslosigkeit bis zum Ausbrechen der Depression so: "Viele Menschen, die unerwartet arbeitslos werden, gehen zunächst mit sehr viel Elan daran, eine neue Stelle zu finden. Aber mit der Zahl der Absagen nimmt der Verlust des Selbstwertgefühls zu. Die Menschen hören ständig, dass sie entweder zu jung oder zu alt und immer öfter, dass sie überqualifiziert seien." In der nächsten Phase fühlen sich die Menschen nach einigen Monaten entwertet, nutzlos und überflüssig. Wuschitz: "Das kostet Selbstsicherheit und schürt Zukunftsängste."

"Viele meiner arbeitslosen Patienten fühlen sich vom AMS inzwischen nur noch verwaltet, aber nicht mehr unterstützt. Wir müssen den Menschen ohne Arbeit aber zeigen, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind", meinte Wuschitz. Um das zu erreichen, schlägt er vor, dass das "AMS Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depressionen und für alle Arbeitslosen möglich machen sollte. Dort finden diese Menschen andere in ähnlicher Situation. Gemeinsam können diese Menschen wieder aus ihrer Selbstisolation herausfinden und neue Hoffnung schöpfen." (APA)

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    Warten beim AMS ... Psychiater Wuschitz empfiehlt dem AMS, Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depressionen und für alle Arbeitslosen möglich zu machen.

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