Sandoz zieht von Wien nach München

26. April 2005, 17:16
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Konzernzentrale wird verlegt - Bayerns Ministerpräsident Stoiber wünscht sich "Sogwirkung" - Wirtschaftsstadtrat Rieder: "Wiens Attraktivität ungebrochen"

Wien/München - Jetzt ist es fix: Das Pharmaunternehmen Sandoz verlegt seine Konzernzentrale von Wien nach Bayern. Die bisherige Unternehmenszentrale des Weltmarktführers für Generika in Wien mit 115 Beschäftigten werde geschlossen, sobald die Kartellbehörden in Europa und den USA grünes Licht für die Übernahme des deutschen Generika-Produzenten Hexal erteilten, kündigte Sandoz-Vorstandsvorsitzender Andreas Rummelt am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) an. Das sollte in der zweiten Jahreshälfte 2005 der Fall sein.

Der Großraum München habe sich als Standort für die Zentrale eines der größten Pharma-Unternehmen der Welt gegen den bisherigen Unternehmensstandort Wien und gegen den Sitz des Sandoz-Mutterkonzerns Novartis AG im schweizerischen Basel "in einem harten, aber fairen Wettbewerb durchgesetzt", sagte Stoiber. Für Holzkirchen, bisher schon Sitz der von Sandoz übernommenen Hexal AG, als Standort der weltweiten Unternehmenszentrale habe die Nähe zu den Produktionsstätten von Hexal und von Sandoz in Kundl (Tirol) gesprochen, erläuterte Rummelt.

Mit Gewerbesteuer-Senkung gelockt

Für die Entscheidung habe auch die führende Rolle der medizinischen Forschung im Großraum München gespielt. Zudem sei Deutschland der weltweit zweitgrößte Markt für Generika. Die Entscheidung sei erst am vergangenen Montag gefallen. Die Marktgemeinde Holzkirchen ist dem Pharma-Unternehmen außerdem durch eine drastische Gewerbesteuer-Senkung entgegen gekommen, bestätigte Bürgermeister Josef Höß. Holzkirchen sei in dieser Hinsicht zum "Monaco von Oberbayern" geworden.

Von den 115 Mitarbeitern der bisherigen Sandoz-Zentrale in Wien sollen einige nach Holzkirchen übersiedeln, ein weiterer Teil in anderen Unternehmensbereichen der Konzernmutter eine neue Beschäftigung finden. Für den "Rest" stellte Sandoz-Chef Rummelt eine "sozialverträgliche Lösung" in Aussicht. Der Umzug nach Oberbayern soll innerhalb eines halben Jahres abgeschlossen werden.

40 bis 50 Jobs werden neu entstehen

In der neuen Zentrale in Holzkirchen sollen 150 Menschen arbeiten. 40 bis 50 Arbeitsplätze würden neu geschaffen, sagte Rummelt. In derselben Größenordnung könnte der Sandoz-Produktionsstandort Kundl in Tirol mit seinen bisher 2.700 Arbeitsplätzen zusätzliche Jobs erhalten, stellte Rummelt in Aussicht. Die Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Bayerns Ministerpräsident Stoiber hofft, dass die Entscheidung von Sandoz eine "Sogwirkung" auch auf andere Unternehmen ausübt. Der Schritt des Pharmakonzerns sei vor dem Hintergrund des Standortwettbewerbs zwischen Deutschland und Österreich von besonderer Wichtigkeit, zumal Österreichs Finanzminister ständig erkläre, sein Land sei "das bessere Deutschland". Das Beispiel Sandoz zeige, dass sich in Bayern wichtige Standortentscheidungen schnell und unbürokratisch umsetzen ließen, sagte der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU). Damit sei bewiesen, dass Bayern hinsichtlich der Rahmenbedingungen mit Österreich, der Schweiz und anderen Ländern konkurrenzfähig sei.

Wiens Regierung verweist auf firmeninterne Gründe

In Wien ist unterdessen ein politisches Hick-Hack um den Abzug der Sandoz-Zentrale entbrannt. Vizebürgermeister und Wirtschaftsstadtrat Sepp Rieder (S) hat am Dienstag vor allem firmeninterne Gründe für die Verlagerung angeführt, während ÖVP und FPÖ der SPÖ-Stadtregierung die Verantwortung für die Absiedlung gaben und Fehler bei der Standortpolitik orteten.

"Das hat ein bisschen eine überproportionale Dimension auf bayrischer Seite bekommen, weil den Bayern nachgesagt wird, dass sie ein Unternehmen nach dem anderen an Österreich verlieren", so Rieder in der wöchentlichen Bürgermeister-Pressekonferenz im Rathaus: "Man soll aber auch die Kirche im Dorf lassen. Die Attraktivität Wiens als Standort für Headquarters und als Forschungszentrum ist ungebrochen."

Die Entscheidung des Unternehmens "kommt nicht ganz überraschend", meinte der Vizebürgermeister. Nach der Übernahme des Generikaherstellers Hexal habe sich abgezeichnet, dass die Wiener Verwaltungszentrale mit ihren rund 115 Mitarbeitern in Diskussion kommen würde. Für ein Absiedeln der Forschungsplätze in Wien gebe es dagegen kein Anzeichen. Rieder stellte in Abrede, dass Wien dem Unternehmen zu wenig entgegengekommen sei: "Es ist weder um Garagenplätze, noch um Kindergartenplätze gegangen."

ÖVP: Schwerer Schlag für Wirtschafts- und Forschungsstandort Wien

ÖVP-Landesgeschäftsführer Norbert Walter ortete dagegen einen weiteren schweren Schlag für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Wien. Er prophezeite negative Auswirkungen auf den Biotechnologie-Cluster und den Stellenwert Wiens als europäischer Forschungsstandort.

Für die FPÖ meldete sich David Lasar, Bezirksrat in Floridsdorf und seit kurzem Mitglied des Wiener FP-Landesparteivorstandes, zu Wort. Eine falsche Standortpolitik sowie die fehlende Infrastruktur in Form von Industrieclustern sei verantwortlich für den Abgang des Weltmarktführers für Generika, meinte er. (APA)

  • Artikelbild
    foto: sandoz gmbh/bereitgestellt
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