Uni erforscht Grazer "Hauptplatz-Punks"

14. Juli 2005, 14:15
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Jugendliche Punks im Forschungs-Visier von Kulturantropologen der Uni Graz - Studie "Bürgerschreck Punk?" - Sozialstadträtin: "Es werden Arme und nicht die Armut bekämpft"

Ein Kordon aus Kirschlorbeer soll den Erzherzog-Johann-Brunnen am Grazer Hauptplatz vor dort sitzenden Punks schützen - und ein Landessicherheitsgesetz, das u.a. ungebührliche Lärmerregung und öffentliche Anstandsverletzung eine Handhabe zu einer Wegweisung gibt. "Hier werden Arme statt der Armut bekämpft", so die Grazer Sozialstadträtin Tatjana Kaltenbeck Michl (S), die am Montag eine kulturwissenschaftliche Studie zu den "Hauptplatz-Punks" vorgestellt hat.

Ziel der Studie, die seit Herbst 2004 durchgeführt wurde, war es, die strukturellen Bedingungen aufzudecken, die hinter dem Weg ins Abseits stehen, erläuterten Gerlinde Malli, Diana Reiners und Gilles Reckinger vom Institut für Kulturanthropologie der Universität Graz. Sie haben die Studie im Auftrag der Stadt Graz ausgeführt. Im Zentrum des Interesses standen jene rund 30 jungen Erwachsenen und Jugendlichen, die in der Öffentlichkeit als "Hauptplatzpunks" wahrgenommen werden, aber auch die Wahrnehmung verschiedener Interessengruppen in der Öffentlichkeit wie Geschäftsleute und Platznutzer. "Was im Zuge der Diskussion besonders unangenehm auffällt: Alle reden über die Punks, aber niemand redet mit ihnen", sagte Kaltenbeck-Michl.

"Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Punks in einer Spirale von gesellschaftlichen Abwertungen, Ausschlüssen und sozialen Korrekturmaßnahmen gefangen sind. Die Gruppe bietet eine Auffangstruktur, in der sich Jugendliche und junge Erwachsene wiederfinden, deren Biografien von Strukturellen sozialen Problemen geprägt sind", erläuterte Diana Reiners. "Der Großteil kommt aus sozial benachteiligten Milieus, zerrüttete Familienverhältnisse, Misshandlungserfahrungen spielen eine Rolle, sie kennen Ausbildungsabbrüche und Arbeitslosigkeit", betonte Reiners.

Die Studie liefere keine Lösung, sondern eine Bestandsaufnahme, so die Leiterin des Instituts für Kulturantropologie, Elisabeth Katschnig-Fasch. Fest steht für sie: "Die Zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich ist mit wachsender Intoleranz und Konflikten verbunden. Diejenigen, die der erforderten Sxymbolik der Leistungsgesellschaft nicht entsprechen, stehen für einen sichtbar werdenden gesellschaftlichen Abstieg und eine bedrohlich gewordene Gegenwart."

"Wir haben jetzt eine gute Basis, um den Diskurs voranzutreiben und aufklärend zu wirken", sagte die Sozialstadträtin. Durch die Studie werde klar, dass diese Jugendlichen keine Gefährdung darstellen, "sondern sind eine gefährdete Gruppe junger Erwachsener" seien, berichtete Kaltenbeck. Ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Blickfeld bedeute keine Lösung, sondern stelle nur eine Verschärfung des Problems dar. "Wenn wir die wachsende Arbeitslosigkeit, die damit einhergehende Verarmung und soziale Ausgrenzung nicht aufhalten, produzieren wir selbst Phänomene wie die Punks", kritisierte Kaltenbeck-Michl. (APA)

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