Mit der Kraft der Beschleunigung

25. April 2005, 19:23
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Ein Marathon mit acht Stücken: "Drama X" präsentierte, wie kurzlebiges Theater aussehen kann

Wien - Geschwindigkeitsrausch! Zum zweiten Mal gab sich am Wochenende die Phalanx der jungen Theaterszene unter dem Titel Drama X jenen gesellschaftlichen Mechanismen hin, die unserem Alltag den Atem rauben: Angelehnt an das US-Format der "24-hour-plays" wurden in einem Marathon acht Stücke generiert und mit 33 Darstellern auf die Bühne des Kabelwerks gebracht. Die brennende Frage: Wo findet man noch Glückseligkeit, wenn uns doch Jean Baudrillard den "rasenden Stillstand" der Gesellschaft unter die Nase gerieben hat?

Die Autoren begannen ihre Suche nach Antworten in den endlosen Weiten der Medienlandschaft, kratzten dabei an den desolaten Persönlichkeiten der Medienmacher, skizzierten heiter die Gemeinschaften des Starrens oder verhandelten die Diktatur der Tagesaktualität. Dem Publikum präsentierte sich so eine Feldstudie, die sich in Höhepunkten auch die Zwänge der eigenen Produktionsverhältnisse zunutze machte. So wurde in Scherben. Chanson in living mono (Autor: Carsten Brandau) der Souffleur von Regisseur Steffen Höld kurzerhand ins Geschehen eingebaut.

In Nehmt uns unseren Luxus weg (Robert Woelfl) störte ein Autodiebstahl den Büroalltag. Das unbeteiligte Gaffen der vier Protagonisten und ihre teils indifferenten, teils lebensbedrohlichen (großartig: Maria Hengge) Reaktionen, setzte Andreas Erstling am Bühnenbalkon eindrucksvoll in Szene. Insgesamt zeigte sich: Auch wenn nicht alle Stücke von den vorherrschenden Produktionszwängen Abstand nehmen wollten, so entwickelte sich daraus eine Spontaneität, die sich auch in Spielfreude niederschlug. Rastlose Kreativität kann doch herrlich unterhaltsam sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2005)

Von Georg Petermichl
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