Reality-TV aus dem Ausschuss

30. April 2005, 18:21
2 Postings

Debatte um Nutzwert für die Demokratie

Wien – Das Publikum ist immer dabei, und nicht nur als Zuseher, sondern auch als Feedback-Spender. Ohne Entscheidungsbefugnis zwar, aber als wichtiger Indikator für die Stimmungen, die sich im Pool der Wählerinnen und Wähler im Lande draußen zusammenbrauen mögen.

NTV ermunterte am Montag seine Zuseher, zum Minutentarif von 0,49 Euro anzurufen und mitzuteilen, ob man Joschka Fischer für glaubwürdig halte oder nicht. Bei NTV stand das Fischer-Barometer auf Sturm. Um 13.45 Uhr wuchs der sinnig in Rot gehaltene Balken für die "Nicht-glaubwürdig-Stimmen" auf 69 Prozent empor, während der grüne Ja-Balken bei der mickrigen Marke von 31 arretierte.

Viele Gegner Fischers hatten insgeheim befürchtet, dass es dem verbal wendigen Außenminister gelingen würde, sich mit rhetorischen Tricks aus der Affäre zu ziehen. Wohl auch daher wurde vor seinem Auftritt eine Mediendebatte um die Frage angezettelt, ob diese spezielle Art von Reality-TV demokratiepolitisch sinnvoll sei oder mehr voyeuristischen Gelüsten diene.

Medienöffentlich

Für die Amerikaner, von denen die deutschen Initiatoren des Gesetzes über die Zulässigkeitsvoraussetzungen solcher Übertragungen einige Ideen übernommen haben, sind Ausschusssitzungen im Kongress generell medienöffentlich. Über den demokratischen Nutzwert eines endlosen Medienspektakels, wie es während der Lewinsky-Affäre und des Clinton-Impeachments dargeboten wurde, wird man allerdings geteilter Meinung sein dürfen.

Der Grüne Peter Pilz beantwortet die Frage, ob das Fernsehen aus Untersuchungsausschüssen übertragen sollte, klar mit Ja. Den wenigen Untersuchungssauschüssen, die es in Österreich gegeben hat, meint Pilz, habe die Öffentlichkeit gut getan. Rechtlich wäre auch eine TV-Übertragung, die es noch nie gab, kein Problem, zumal die Vernehmung heikler Zeugen ausgeblendet werden könnte.

Pilz sieht allerdings die politische Schwierigkeit darin, dass der ORF dazu tendiere, die Welt aus der "Mückenperspektive" darzustellen: "Wenn der Bundeskanzler wieder einmal erzählt, dass Österreich gerade voll durchstartet, ist das Fernsehen sofort dabei. Dringliche Anfragen dagegen werden nicht übertragen." (Christoph Winder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2005)

  • Die n-tv Umfrage um 19:30
    screenshot: derstandard.at

    Die n-tv Umfrage um 19:30

Share if you care.