"Nach einer Tat wissen immer alle Bescheid"

4. Mai 2005, 16:50
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Zwei Tage nach der Tat rekonstruierte der mutmaßliche Dreifachmörder von Potzneusiedl den Hergang

Wien/Eisenstadt - Für die Zaungäste war die Sachlage eindeutig: "Du Mörder, krepier" und "die Todesstrafe ist zu wenig" lauteten Montagnachmittag Kommentare von Schaulustigen, die sich in der Lindengasse einfanden. Samstagabend soll dort in der burgenländischen 500-Einwohner-Gemeinde Potzneusiedl Rudolf Z. drei Frauen erschossen haben (siehe Grafik), nun rekonstruierte er den Tatablauf für die Kriminalisten und das Gericht.

"Es gab bei der Vernehmung keine Probleme, wir hatten ein sehr gutes Gesprächsklima", berichtet Rainer Erhart von der Kriminalabteilung Burgenland über die Ermittlungen. Hintergrund des Dreifachmordes dürfte ein Streit um Geld gewesen sein, der 45-jährige Verdächtige habe sich von seiner Schwester offenbar "übervorteilt" gefühlt, schildert Erhart.

Drohungen nicht bestätigt

Dass Rudolf Z., der in dem kleinen Ort als Einzelgänger galt, schon früher gedroht habe, seine Verwandte umzubringen, will der Kriminalist vorerst nicht bestätigen. "Derzeit haben wir absolut keine konkreten Hinweise in diese Richtung", meint Erhart. Ausschließen könne man es zwar nicht, Skepsis bleibe aber. "Es ist immer so: Nach einer Tat wissen alle plötzlich Bescheid über die drohende Gefahr."

Hätte die Exekutive schon vorher von Morddrohungen erfahren, wäre aber sehr wohl ein Einschreiten möglich gewesen, erläutert Rudolf Gollia, Sprecher des Innenministeriums. "Im Waffengesetz ist geregelt, dass Wohnung und Kraftfahrzeug in so einem Fall nach Waffen durchsucht werden können. Darüber hinaus kann die zuständige Behörde ein Waffenverbot erlassen." Gleichgültig ob der Betreffende ein gültiges waffenrechtliches Dokument besitzt oder, wie im aktuellen Fall, nicht (siehe Wissen).

Schusswaffe ungleich Mordwaffe

Generell sind Schusswaffen übrigens eher selten auch Mordwaffen, weiß man beim Bundeskriminalamt (BK). Die jüngste Statistik stammt aus dem Jahr 2003, damals gab es in Österreich insgesamt 142 Morde oder Mordversuche. "In 24 Fällen wurde dabei eine Feuerwaffe verwendet, das heißt bei einem guten Sechstel der Delikte", rechnet BK-Sprecher Gerald Hestzera vor.

Wann sich Z. die Pistole besorgt hat, mit der er dann seine Schwester, die Pflegerin seiner Mutter und ihre Sachwalterin erschoss, ist für die Exekutive noch unklar. Möglicherweise hätte es aber eine Chance gegeben, den Mann zu stoppen, denn wenige Stunden vor der Tat war er in Wien kurzzeitig verhaftet worden.

"Er wurde in Wien-Margareten nach einer Schlägerei in einem Lokal mitgenommen, da er keinen Ausweis dabei hatte. Er konnte seine Identität dann nachweisen, und da das Opfer keinen Arzt benötigte, wurde er wieder freigelassen. Von einer Waffe haben die Kollegen aber nichts bemerkt", schildert Doris Edelbacher von der Pressestelle der Wiener Polizei.

Taxientführung

So konnte Rudolf Z. am Abend einen Taxifahrer mit vorgehaltener Pistole zwingen, ihn nach Potzneusiedl zum Haus seiner schwer kranken Mutter zu fahren. Dort erschoss er seine Schwester und die Pflegerin seiner Mutter. Der Taxilenker, der Zeuge der Morde wurde, musste ihn anschließend zum Haus einer Gemeindebediensteten fahren, die als Sachwalterin der Mutter fungierte. Und aus Sicht des mutmaßlichen Täters gemeinsam mit der Schwester gegen ihn intrigiert hat.

Als die Frau die Tür öffnete, schoss der Verdächtige sofort. Die 48-Jährige konnte aber noch ins Innere des Gebäudes flüchten, wo sie dann aber tödlich getroffen wurde. Da der Taxilenker währenddessen flüchten konnte, fuhr Rudolf Z. mit dem Wagen seiner Schwester zurück nach Wien, wo er Sonntag früh von der Polizei zur Aufgabe überredet werden konnte. (moe, DER STANDARD – Printausgabe, 26.04.2005)

WISSEN
Waffenminus
Wird bei einem Tötungsdelikt innerhalb der Familie eine Schusswaffe verwendet, sind diese meist legal im Besitz des Täters, nur in einem von fünf Fällen wird eine illegale Feuerwaffe eingesetzt. Waffenbesitzer mit gültigen waffenrechtlichen Dokumenten gibt es in Österreich übrigens immer weniger. Besaßen 1998 noch fast 361.000 Bürger einen Waffenpass, -schein oder eine Waffenbesitzkarte, waren es am 1. Jänner 2005 nur mehr knapp 272.000, zeigt die Statistik des Innenministeriums. (moe)
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