STANDARD-Interview: Eine Dosis ostasiatische Küche

2. Mai 2005, 13:18
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Nahrungsergänzungsmittel mit pflanzlichen Hormonen helfen bei Beschwerden aufgrund altersbedingten Hormonabbaus. Was sie noch können, will Alois Jungbauer, ab Juli Leiter des Doppler-Labors für Rezeptor-Biotechnologie, herausfinden. Julia Harlfinger sprach mit ihm.

Standard: Im Christian-Doppler-Labor kooperieren Sie mit der Pharmafirma Melbrosin, die pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel, etwa zur Linderung menopausaler Beschwerden, vertreibt. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Jungbauer: Es gibt viele Pharmafirmen, die Phytopharmaka verkaufen, aber nicht in die Forschung hineinbuttern. Manche Trittbrettfahrer eignen sich ihr Wissen nur aus der Literatur an. Da kann man schon in Teufels Küche kommen, wenn man aufsteht und sagt, dass nicht genau belegt ist, wie ein Produkt wirkt. Unser Kooperationspartner hat aber den Ehrgeiz, genau wissen zu wollen, was in den Pflanzenextrakten für seine Nahrungsergänzungsmittel steckt und investiert daher weiterhin in die Wissenschaft.

STANDARD: Wie untersuchen Sie die Pflanzenextrakte?

Jungbauer: Im Projekt Fabrik der Zukunft geht um die genaue Charakterisierung der Pflanzenextrakte mithilfe von molekularbiologischen und biotechnologischen Methoden. Das heißt, wir screenen Pflanzenextrakte, etwa mithilfe von Massenspektrometrie. So stellen wir fest, welche natürlichen und teilweise noch völlig unbekannten Substanzen enthalten sind. Im nächsten Schritt wird untersucht, ob und wie stark diese Substanzen die Hormonrezeptoren aktivieren und wie sie verstoffwechselt werden. Unser In-vivo-Testsystem sind derzeit Hefezellen, die robust genug sind, die für Naturstoffe typischen Verunreinigungen zu verkraften. Außerdem werden wir im grundlagenwissenschaftlichen Bereich die "molekulare Maschine", also den Steroidhormonrezeptor, analysieren - ein äußerst interessantes Drug-Target. Dabei ist von besonderem Interesse, auf welche Weise der Rezeptor gemeinsam mit der an ihn gebunden Substanz in den Zellkern eindringt und dort die Expression bestimmter Gene stimuliert.

STANDARD: Bekommen die Produkte durch diese Analysen einen Marktvorteil?

Jungbauer: Pflanzenextrakte an sich sind nicht patentfähig. Wir glauben, dass wir durch eine verbesserte Charakterisierung des Produkts, also etwa die Struktur-Funktions-Beziehung zwischen Substanz und Hormonrezeptor, zu einem verbesserten Schutz kommen. Schließlich sollen auch kleine und mittelständische Firmen zu dem Recht kommen, ihre Investitionen zu verwerten. Durch die Charakterisierung ist das Produkt standardisierbar, das heißt, dass unabhängig von Standort, Erntezeitpunkt oder Anbaujahr immer das exakt Gleiche in der Kapsel drin ist und auch die Wirkung zu hundert Prozent dieselbe ist.

STANDARD: Stehen die pflanzlichen Präparate in Konkurrenz zur konventionellen Hormonersatztherapie, die mit synthetischen Wirkstoffen arbeitet?

Jungbauer: Absolut. Der Vorteil der pflanzlichen Hormone gegenüber den synthetischen ist meiner Meinung nach das breite Wirkungsspektrum. Sie binden an viel mehr Rezeptorklassen als synthetische Hormone und die Nebenwirkungen sind günstiger. Um dies zu belegen, müssen wir allerdings noch klinische Studien abwarten.

STANDARD: Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass Japanerinnen, die durch die Nahrung sehr viele Phytohormone zu sich nehmen, seltener an Brustkrebs erkranken. Ist es auch möglich, durch einheimische Produkte und ohne Nahrungsergänzungspräparate auf eine solche Dosis zu kommen?

Jungbauer: Durch die Untersuchung der ostasiatischen Küche gibt es die Dosisempfehlung, täglich 40 bis 80 Milligramm an Isoflavonen, einer Phytoöstrogengruppe, zu sich zu nehmen. Unsere traditionelle bäuerliche Küche ist eigentlich auch reich an Phytoöstrogenen - sie stecken in Hirse, Leinsamen, Früchten, Beeren oder Roggenbrot. Noch höher ist der Gehalt in Soja, Rotklee, Luzerne oder Alfalfa-Sprossen. Aber wenn man sich so anschaut, was die Mitteleuropäer essen, kommen kaum pflanzliche Nahrungsmittel auf den Tisch.

STANDARD: Wie kam die Initialzündung für Ihre Arbeit über Hormonrezeptoren?

Jungbauer: 1994 war bei uns an der Boku für ein Jahr ein Gastprofessor aus Louisville, Jim Wittliff. Sein Labor hat den internationalen Standard für die Hormonrezeptorbestimmung bei Brustkrebs, einer wichtigen Diagnosemethode, gesetzt.

STANDARD: Warum haben Sie einen großen Teil Ihrer Arbeit der Erforschung der Hormonrezeptoren gewidmet?

Jungbauer: Hormonrezeptoren sind vom biologischen her sehr faszinierend. Sie haben eine sehr breite pharmakologische Wirkung und eine ganz zentrale Regelfunktion im menschlichen Organismus, nicht nur für die Sexualfunktionen, sondern zum Beispiel für die Hirnentwicklung. Hormonrezeptoren sind deshalb ein interessantes "Drug-Target". Vom Technologischen her reizt mich das Thema, weil diese labilen Proteine auch mit rekombinanten Technologien nur sehr schwer zu produzieren sind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 4. 2005)

  • Alois Jungbauer findet Hormonrezeptoren "vom Biologischen her" faszinierend.
    foto: standard/cremer

    Alois Jungbauer findet Hormonrezeptoren "vom Biologischen her" faszinierend.

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