Höret die Signale

2. Mai 2005, 13:18
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Ein Prozent der Bevölkerung ist schwer gehörgeschädigt bis taub. Ein Innsbrucker Forscher- und Unternehmerteam arbeitet nun an einer verfeinerten, komplett einpflanzbaren Version der Hörhilfe. In fünf Jahren könnte ein Prototyp fertig sein, bis zur „Zulassung“ dauert es vermutlich noch einmal so lang

Die ganze Welt ist Klang. Aber sag das einem Tauben. Wie unsere Erfahrung durch den Input der Sinne entsteht und wächst, so bedeutet der Ausfall einer dieser Sinne eine Verschiebung der Erfahrung, die kaum nachvollziehbar und als Differenz auch kaum vermittelbar ist. Es gibt Prothesen, künstliche Nieren und Herzklappen, doch der Ersatz von Sinnesorganen ist weit weniger fortgeschritten. Das liegt daran, dass neben den üblichen Hindernissen wie Abstoßung bei Verpflanzungen oder Schwierigkeiten bei mikrofeinen Verbindungen die noch weit komplexeren neuronalen Übersetzungen berücksichtigt werden müssen, die Reize in elektrische Impulse verwandeln.

Elektroden statt Haaren

Bei Lichtquanten oder Geruchsstoffen ist eine künstliche - und verständliche - Übertragung in Nervenpotenziale bisher nicht erreicht worden. Beim Schalldruck aber liegt die Sache schon anders. Denn im Gehörgang ist etwas gelungen, das Taube die Welt des Klangs zumindest in Ansätzen erleben lässt. Mehr als 70.000 Menschen haben heute Geräte an und im Ohr, die geschädigte Gehörschnecken ersetzen. Wo vorher der Schalldruck durch Flüssigkeit und Haarzellen verwandelt wurde (siehe Kasten), sorgen nun implantierte Elektroden für Stimulation, die von außen mit Impulsen versorgt werden - die ihrerseits durch den Schalldruck in winzigen Mikrofonen bei den Ohren zustande kommen. Den derzeitigen Grad der Vereinfachung kann man daran ermessen, dass rund 25.000 Sinneshaarzellen durch ein Dutzend Elektroden ersetzt werden.

Die Innsbrucker Firma MED-EL gehört zu einem der drei Anbieter solcher Implantate, nach einem australischen Unternehmen ist sie weltweit die Nummer zwei. Sie entstand vor einem Vierteljahrhundert als Spin-off der Innsbrucker Uni und zählt nun viele von deren Instituten und mehrere Privatfirmen zu ihren Kooperationspartnern. Über ein Doppler-Labor und dessen Leiter Clemens Zierhofer ist sie nun institutionell mit der universitären Forschung verbunden (siehe Klangstimulation im Akkord).

Rund ein Prozent der Bevölkerung gilt als schwer hörgeschädigt bis taub. Ob und wie sehr man helfen kann, hängt von Grad und Art der Schädigung ab und vom Zeitpunkt, ab dem sie eingetreten ist. Insbesondere hat bei einer geschädigten Hörschnecke der Erfolg eines Implantats damit zu tun, ob der Hörverlust von Anfang an vorhanden war oder erst nach dem Spracherwerb eingetreten ist - im zweiten Fall sind viele Verbindungen im Gehirn bereits vorhanden, die andernfalls mühsam (nach)gelernt werden müssen.

Mühsam deswegen, weil die Hörfähigkeit bei implantierten Elektroden nur begrenzt vorhanden ist. Auf Fachkonferenzen wird dieses Hörerlebnis immer wieder für "normal" hörende Teilnehmer simuliert, doch es gibt keine Sicherheit, dass die Simulation realistisch ist. Am ehesten könnte ein komplett Geheilter über sein früheres Hörvermögen urteilen und es vergleichen, aber den gibt es noch nicht.

Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass eine Verbesserung des Zwölf-Elektroden-Systems, das nur sukzessive Impulse schicken kann, wünschenswert ist. Die bisher erreichte technische Hilfe ist zudem - wahrscheinlich unbewussterweise - auf westliche Sprachen konzentriert, weil sie auf die Höhenunterschiede von tonalen asiatischen Sprachen nicht eingeht.

Hier ebenso wie beim Hören von Musik kommt der nächsten Generation von Implantaten besondere Bedeutung zu. Sie wird eine reichhaltigere Toninformation übermitteln können, noch dazu Energie sparend und kompakter als bisher. Die Innsbrucker Uni und die Doppler-Gesellschaft haben sie vor Kurzem als "Vollimplantate" vorgestellt. Allerdings ist die Möglichkeit, das ganze Gerät im Körper unterzubringen, nur ein Aspekt, der zudem von der technischen Neuerung parallel feuernder Elektronen unabhängig ist. Die MED-EL kann sich denn auch vorstellen, Zwischenstufen zu entwickeln, die weiterhin von außen aufgeladen werden können - was unkomplizierter ist als ein lange dauerndes induktives "Auftanken" eines eingepflanzten Akkus.

Im Übrigen erinnert die raffinierte Technologie, elektronisch verursachte Störgeräusche durch mathematisch berechnete Gegenwirkungen zu minimieren (siehe links), an ein verwandtes Gebiet: an die Geräte, die wie Kopfhörer aussehen, aber sozusagen ihr Gegenteil sind: Schalldämpfer, die aktiv jedem Krach einen blitzschnell berechneten Gegenkrach gegenüberstellen und ihn dadurch neutralisieren. Dann ist die Welt Ruhe. (Michael Freund /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 4. 2005)
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    Schallwellen finden den Weg ins Ohr, neue Technologien machen es möglich

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