Bullen, Zerbröselungen und Leerstellen

25. April 2005, 15:12
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"Unsichtbare Gegner", das diesjährige Arbeitswelten-Special, kuratiert von Kinoreal

"Unsichtbare Gegner", das zweite in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer OÖ realisierte Arbeitswelten-Special von Crossing Europe und Kinoreal (Dominik Kamalzadeh, Michael Loebenstein, Dieter Pichler) setzt dort an, wo das letzte Programm 2004 stehen geblieben ist. Standen vor einem Jahr die Lebensentwürfe junger Menschen in der New Economy im Zentrum, so widmet sich "Arbeitswelten" in diesem Jahr jenem "leeren Zentrum", um das die öffentlichen Debatten (über Neoliberalismus, Globalisierung, Standortpolitik oder Arbeitszeitverlängerung) kreisen – der Frage, wie Wirtschaft "gemacht wird", welcher Ethos, welche Handlungsweisen und Haltungen jene Prozesse in Gang versetzen und am Laufen halten.

Streng konstruiert in Totalen, erzählt Gerhard Friedl in "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?" eine etwas andere Wirtschaftsgeschichte Deutschlands. Zu sehen sind Aufnahmen von anonymen Orten der Arbeit, des Alltags und des unsichtbaren Kapitals: Fabriken, Werften, Straßen, öffentliche Plätze in unbenannten Städten. Auf der Tonspur dazu eine chronique scandaleuse, eine Erzählung von den wirtschaftlichen, personellen und kriminellen Verflechtungen des Großkapitals.

"Postadresse: 2640 Schlöglmühl" ist Egon Humers aus 1990 datierendes Porträt des kleinen Dorfes Schlöglmühl in Niederösterreich, acht Jahre nachdem die Papierfabrik, die einst die soziale Struktur der gesamten Ortsft aufrecht erhielt, geschlossen wurde. Die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft haben sich längst aus dem Staub gemacht, die Würde und der Stolz der Menschen sind verloren.

Haroun Farocki exerziert in seinem neuesten Dokumentarfilmvideo "Nicht ohne Risiko" Kapitalismus als Vermittlungsarbeit, in zwei Verhandlungssitzungen zur Beschaffung von Venture Capital (Risikokapital) durch.

Klaus Sterns Film "Weltmarktführer. Die Geschichte des Tan Siekmann" porträtiert den deutschen Technologieunternehmer Tan Siekmann, dessen Schicksal an der Börse beispielhaft für das Platzen der "Dotcom-Blase" Anfang des 21. Jahrhunderts war. Angesichts frustrierter Mitarbeiter und rechtlicher Streitigkeiten mit ehemaligen Partnern gelingt der "Reboot" des Unternehmens "Biodata" weniger heroisch, als es sich Siekmann vorstellen möchte. Die fetten Jahre scheinen (auch im Rückblick auf die Neunziger) tatsächlich vorbei zu sein.

Zur Vertiefung des Specials "Arbeitswelten" lädt die Gesellschaft für Kulturpolitik am Donnerstag, 28. April um 20.15 zur Podiumsdiskussion "Sind Gewerkschaften noch zeitgemäß?" ins Mediendeck des O.K. Es diskutieren Fritz Betz (FH Eisenstadt); Evelyn Regner (Leiterin des ÖGB-Europabüros in Brüssel), Jürgen Prott (Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg) sowie Alois Stöger (ÖGB Linz). Moderatorin ist Tülay Tuncel von der Gesellschaft für Kulturpolitik.

"Wie filmt man das Kapital?" ist die Frage, der die Regisseure Klaus Stern und Gerhard Friedl gemeinsam mit Werner Ruzicka (Leiter der Duisburger Dokumentarfilmwoche) moderiert von Kinoreal am Freitag, 29. April um 18.00 Uhr im Mediendeck/O.K ebenfalls anlässlich des Specials Arbeitswelten nachgehen. (red)

  • "Weltmarktführer. Die Geschichte des Tan Siekmann"
    foto: crossing europe

    "Weltmarktführer. Die Geschichte des Tan Siekmann"

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