Grotesken und Identitätssuchen

25. April 2005, 15:09
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Hochzeitsfabriken, abstruse Supermärkte und Ringen um Selbstverständliches: Dokumentarfilme im Panorama Europa

"Across the Border/Über die Grenze" von Pawel Lozinski, Jan Gogola, Peter Kerekes, Robert Lakatos und Biljana Cakic-Veselic hält Grenzerfahrungen am Beginn des 21. Jahrhunderts fest. In einer filmischen Episoden-Reise von Nord nach Süd zeigen fünf RegisseurInnen aus Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien ihre Vision von europäischer Identität im Moment der politischen Neuordnung Europas.

"Artikel 7 – Unser Recht" (Thomas Simmler und Eva Korischil) berichtet vom langjährigen Kampf der slowenischen Minderheit in Kärnten um ihre in der Verfassung zwar zugestandenen, realiter aber immer noch vorenthaltenen Rechte.

Im Rahmen von des vorjährigen Festivals präsentierten die tschechischen Regisseure Vit Klusák und Filip Remunda bereits eine Arbeitsfassung von "Cesky Sen/Czech Dream". Nun gibt es die Endfassung der Groteske um einen intensiv und erfolgreich beworbenen, aber lediglich virtuellen Hypermarkt am Stadtrand Prags zu sehen.

Drei Jahre lang begleitete Didier Nion (Frankreich) für "Dix-Sept Ans/Seventeen Years" den 17jährigen Jean-Benoit, der in Erfüllung eines dem verstorbenen Vater gegebenen Versprechens eine Mechanikerlehre beginnt.

Aysun Bademsoy, früher Assistentin von Haroun Farocki, begleitet drei türkische Brautpaare zur Feier in "Die Hochzeitsfabrik zu Berlin", die Heiratswilligen für den schönsten Tag im Leben vom Buffet bis zum Hochzeitsvideo full service wie vom Fließband bietet.

In der niederländische Produktion "Kosovo/a" von Jody Barrett, Maria Mok und Maasia Ooms stellen vier junge albanische und serbische Erwachsene aus der seit 1999 geteilten Stadt Mitrovica ihre Sichtweise des Lebens im Kosovo dar und sprechen aus, was sie über die Menschen auf der anderen Seite der Brücke denken.

Ähnlich schicksalhaft ist die noch aus österreichisch-ungarischen Zeiten stammende Brücke über die Tisa, den heutigen Grenzfluss zwischen Rumänien und der Ukraine. In "Podul Peste Tisa/The Bridge" erzählt Ileana Stanculescu (Rumänien) die Geschichte einer oft zerstörten Brücke, die nun dank EU-Geldern wieder aufgebaut wurde – aber nicht passiert werden darf.

Für "Was lebst du?" begleitete Bettina Braun (Deutschland) über zwei Jahre lang eine in Köln lebende Gruppe muslimischer Freunde aus der Türkei, Marokko, Tunesien und Albanien und hat so eine empathische Schilderung eines Alltags zwischen Schule und Ausbildung, traditionellem Elternhaus und westlichem Lebensstil, klischeehafter Selbstdarstellung und eigenen Träumen geschaffen.

Kurzfilme

In zwei Programmen zeigt das Panorama Europa mit "Short Matters!" auch alle Kurzfilme, die für den von der Europäischen Filmakademie und United International Pictures vergebenen Prix UIP 2004 nominiert waren.

Programm I zeigt "Les baisers des autres/Other People's Kisses" (Carine Tardieu, Frankreich), "Un cartus de Kent si un pachet de cafea/Cigarettes and Coffee" (von Vorjahresjuror Cristi Puiu, Rumänien), "7:35 de la manana/At 7:35 in the Morning" (Nacho Vigalondo, Spanien), "Love me or leave me alone" (Duane Hopkins, Großbritannien), "Fender Bender" (Daniel Elliott, Estland) und "Panique au village: Les voleurs des cartes/The Card Thieves" (Vincent Patar und Stéphane Aubier, Belgien/Frankreich).

Programm II bringt "J'attendrai le suivan.../I'll wait for the next one..." (Philippe Orreindy, Frankreich), "Goodbye" (Steve Hudson, Deutschland), "Poveste La Scara 'C'/Block 'C' Story" (Cristian Nemescu, Rumänien), "Ich und das Universum/Me, Myself and the Universe" (Hajo Schomerus, Deutschland), "La nariz de cleopatra/Cleopatra's Nose" (Steve Hudson, Spanien) und "Alt i alt/All in All" (Torbjørn Skårild, Norwegen). (red)

  • "Cesky Sen / Czech Dream"
    foto: crossing europe

    "Cesky Sen / Czech Dream"

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